Beef im Burgenland: Recherche zu Nazi-Lokal führt zu Zerfall von „NDS“

NDS-Video zur Absage des Konzerts am 14.05.2022 (Bild: Telegram)

Das „NDS“-Konzert in Naumburg am 14.05.2022 sollte ein großer Jahresauftakt werden. Eine Woche später stehen die Rechtsrapper vor einem Scherbenhaufen: Das Konzert wurde nach einer Veröffentlichung dieses Portals wenige Stunden vor Beginn abgesagt. Zwei der Rapper, Andre „Primus“ Laaf und Tino „Menx“ Datzer, verließen im Streit mit Kai „Prototyp“ Naggert das „NDS“-Trio, weil sie nicht in der Nazi-Kneipe auftreten wollten. Den teils in Naumburg gestrandeten Fans wurden in Videos die Gründe für die Absage erst vorenthalten. Die darauf folgende Ankündigung eines Erklärungsvideos zu Laafs Ausstieg wurde kurzfristig abgesagt. Politisch wollen sowohl Naggert als auch Laaf dort weitermachen, wo sie aufgehört haben – also Rechtsaußen. Von einem politischen Ausstieg kann daher bei Laaf keine Rede sein. Das gemeinsame Label „NDS“, das „Chris Ares“ bekannt gemacht und durch seinen Rückzug 2020 bereits öffentlichen Schaden genommen hatte, wird nun noch unbedeutender werden.

Kommentare der rechten Fanbase in den sozialen Medien

Rückzug nach Antifa-Recherche

Am Freitag, dem 13. Mai erschien auf dieser Seite eine Recherche, die den geheimgehaltenen Veranstaltungsort des NDS-Konzerts am Folgetag in Naumburg veröffentlichte: Die Rapper wollten im „Salzhofkeller“ der Nazikneipe „Lokal 18“ in Naumburg auftreten. Allem Anschein nach wollte Kai Naggert auch nach der Veröffentlichung an der Nazi-Location festhalten, während Andre Laaf und Tino „Menx“ Datzer Bauchschmerzen dabei hatten, ein weiteres Mal öffentlich mit der militanten Rechten in Verbindung gebracht zu werden. In einem kurzen Telegram-Video behaupteten die Rapper fälschlicherweise, dass die Location nicht mehr zur Verfügung stünde. Ein paar Dutzend rechte AnhängerInnen, die Kommentaren zufolge teils Hunderte Kilometer nach Naumburg angereist waren, verbrachten den Abend mit NDS unter der Bundesstraße 180 an der Saale. Weder hier noch in einem zweiten Entschuldigungs-Video am Folgetag redeten die Rechtsrapper ihren Fans gegenüber Klartext. Am 16.05.2022 erklärte dann plötzlich Andre Laaf seinen Ausstieg bei NDS. Seine Begründung: Er hätte sich infolge der Veröffentlichung das „Lokal 18“ angesehen und es sei ihm „zu extrem“ vorgekommen. Laaf wird vom Gros der Fans als integraler Bestandteil von NDS angesehen, ohne den das Label erledigt sei. Tags darauf verkündete auch Tino Datzer seinen Ausstieg in einer knappen Instagram-Story. Datzer war erst im Februar 2021 offiziell als Geschäftsführer bei NDS eingestiegen.

Ausstiegs-Video von Andre Laaf und Ausstiegs-Posting von Tino Datzer (Bilder: Instagram)

“Patrioten” und Rechtsterroristen

Kai Naggert, der alleine mit „NDS“ zurückblieb, reagierte mit Durchhalteparolen. Dass sein Projekt gescheitert ist, will er zumindest öffentlich noch nicht eingestehen. Dabei war er zusammen mit seiner ex-Partnerin Ramona „Runa“ Naggert und Andre Laaf extra aus Nordrhein-Westfalen nach Ostsachsen gezogen, um in Weifa bei Bautzen zusammen mit dem aus Bayern zugezogenen Christoph „Chris Ares“ Zloch ein neues Zentrum der rechtsradikalen Rapkultur aufzubauen. Zloch zog sich kurz nach seiner Verbannung von großen kommerziellen Plattformen ohne größere Erklärung Mitte 2020 zurück, Ramona Naggert trennte sich von Kai Naggert und stieg bei „NDS“ aus und nun verließen auch Laaf und der in Bayreuth ansässige Neuzugang Tino Datzer das sinkende Schiff „NDS“.
Mit diesem sukzessiven Zerfall wurde die Reichweite des NS-Raps weiter geschmälert. Gleichwohl bedeutete Ramona Naggerts Abkehr von NDS nur eine Zuwendung zu Vertriebsstrukturen der militanten Brandenburger Rechtsrockszene. Nun verkündet auch Andre Laaf, dass er trotz des Ausstiegs bei NDS seine Einstellung keinen Deut verändern werde. Selbst wenn er ein größeres Problem mit der Naumburger Neonazi-Kneipe zu haben schien als Kai Naggert, kann Laaf auf weitreichende rechte Netzwerke bis hin zu Rechtsterror zurückblicken: Er besuchte das fünfjährige Jubiläum von Pegida in Dresden, bewarb in den sozialen Medien die „Isegrim“-Kleidung des gut vernetzten Neonazis Markus Baumgart, verbrüderte sich mit Anhängern der antisemitischen Verschwörungserzählung von „QAnon“ und traf sich mit Patrick Groß, der zeitweise den Aufbau einer deutschen Abteilung der mörderischen Terrorgruppe „Atomwaffendivision“ koordinierte.

v.l.n.r.: Christoph “Chris Ares” Zloch, Patrick Groß, Andre “Primus” Laaf und Kai “Prototyp” Naggert; rechts: Patrick Groß als Aktivist der “Atomwaffen Division” (Fotos zuerst veröffentlicht auf Twitter von Robert Wagner)

Naggert präsentiert Lückenfüller bei NDS

Um keine Floskel verlegen (NDS am Ende? Im Gegenteil!), erklärte Kai Naggert unmittelbar nach dem Weggang von Andre Laaf und Tino Datzer, dass NDS noch politischer werde und zwei neue Mitglieder in den Startlöchern stünden. Kurz darauf wurden Silas „Sillo“ Wehren und Dominik „Kavalier“ Raupbach als neue NDS-Musiker präsentiert. Beide kommen aus den Netzwerken der Identitären Bewegung, Wehren aus NRW und Raupbach aus Sachsen. Musikalisch wird NDS damit noch bedeutungsloser werden. Die begrenzte Popularität im rechten Lager verdankte die Gruppe hauptsächlich Chris Ares und einer Fanbase, die auf der Suche nach Rap im Mainstream-Stil war, der aber politisch Rechtsaußen steht. Andre Laaf und Tino Datzer konnten dies bereits nur noch bedingt bedienen. Silas Wehren wird zwar versuchen hier anzuknüpfen, kann aber bislang musikalisch nichts vorweisen. Dominik Raupbach ist alles andere als ein Rapper, sondern mit seinen 20 Jahren und wenigen Youtube-Videos von Schüler-Auftritten mit Coversongs auf der Gitarre weit jenseits dessen, was die verbliebenen NDS-AnhängerInnen suchen. Auch von einer Stärkung des aktivistischen Profils von NDS ist nichts zu vernehmen. Alle aktuellen Meldungen sind Durchhalteparolen und maskulinistische Kraftsport-Bilder und -Sprüche.

NDS 3.0 (v.l.n.r.): Silas “Sillo” Wehren und Kai “Prototyp” Naggert am 17.10.2021 bei Pegida Dresden (Foto: Recherchenetzwerk Berlin); Dominik “Kavalier” Raupbach (Bild: Youtube)

Lokaler Ausblick

Aus lokaler Perspektive bedeutet die antifaschistische Intervention mit dem Ergebnis eines abgesagten Konzerts und Spaltung der NS-Rapper sicherlich einen klaren Erfolg. In Naumburg selber schien der Vorgang jedoch kaum Resonanz zu haben. Die Polizei gab keine Pressemitteilung zu ihrem stundenlangen Einsatz vor dem Lokal 18 und an der B180 heraus. An der Lokalpresse ging das Geschehen ansonsten auch vorbei. Das Lokal 18 ist durch frühere Medienberichte örtlich einschlägig bekannt. Trotz seiner prominenten Lage in der Fußgängerzone der Altstadt scheint sich die Stadtgesellschaft wenig an der optischen Gestaltung, angelehnt an das Terrornetzwerk „Combat 18“ und seinen entsprechenden Stammgästen zu stören. Diese Bedingungen begünstigen auch eine zukünftige Nutzung für Neonazi-Konzerte durch Betreiber Andreas Segieth, der in Rechtsrock-Netzwerken mehr als gut vernetzt ist.

Andreas Segieth (1.v.l.) mit den Apoldaer Rechtsrock-Netzwerkern Andy Körner (Mitte), André Groth (2.v.r.) und Robert Hoyer (1.v.r.) beim Rudolf-Hess-Marsch in Brlin am 17.08.2017. (Foto: Igor Netz)

14.05.2022: „Identitäre“ Rapper zu Gast bei „Blood & Honour“-Aktivist in Naumburg

NDS-Ankündigung zum Konzert in Naumburg am 14.5.2022 (Bild: Instagram)

Morgen Abend findet in Naumburg ein Konzert vom „Neuen Deutschen Standard“ (NDS) statt. Die rechten Rapper aus der Lausitz halten den genauen Veranstaltungsort geheim. Wie durch Recherchen nun bekannt wurde, wird das Konzert im Gewölbekeller der altbekannten Nazikneipe „Lokal 18“ stattfinden. Das „Lokal 18“ hat seinen Namen und Design nicht bloß beim rechtsterroristischen Netzwerk „Combat 18“ abgekupfert: Der Betreiber Andreas Segieth zählt seit rund zwanzig Jahren zur Thüringer Struktur von „Blood & Honour“ (B&H), die sich in früheren Jahren zur Strömung von „Combat 18“ bekannte. Segieth ist auch Teil der neueren Tarnstruktur des verbotenen Netzwerks B&H, die als „28 Crew“ auftritt. Daneben ist er bestens mit „Der Dritte Weg Burgenlandkreis“ vernetzt. Die vorgeblich „patriotischen“ Rapper von NDS belegen damit ein weiteres Mal, dass kein Blatt zwischen sie und die militante rechte Szene passt.

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(6) Gera und der NSU: von den Baseballschlägerjahren über Blood & Honour zur AfD

Neonazi-Trauermarsch 1997 in Neuhaus am Rennweg: (unten v.l.n.r.) Tino Brandt, Ralf Ollert, André Kapke, Beate Zschäpe; (Mitte v.l.n.r.) Uwe Böhnhardt, Gordon Richter (Kameradschaft Gera), Nils Großenbach (Kameradschaft Gera), Daniel Stärz (Legion Ost), Holger Gerlach. (Bild: TLZ)

Wie in allen ostdeutschen Städten bildete sich auch in Gera nach der Wende eine größere Szene von Neonazi-Skinheads heraus. Sie dominierten öffentliche Plätze, begingen rassistische Übergriffe und verbreiteten ein Klima der Angst. Durch die Gründung von Rechtsrockbands, Kameradschaft und Parteiverbänden festigten sich ihre Strukturen. Die Kameradschaft Gera war eine tragende Säule des Thüringer Heimatschutzes und hatte somit auch gute Beziehungen zum späteren NSU-Kerntrio, seinen Jenaer UnterstützerInnen und zum NSU-Terrornetzwerk. Auch in Gera wurden nach dem Untertauchen des Trios 1998 Spendengelder gesammelt. Die Baseballschlägerjahre der frühen Neunziger gipfelten 2004 in der Ermordung von Oleg Valger durch vier teils noch jugendliche Geraer Neonazis. In der Rückschau hebt sich Gera jedoch von anderen Städten in der Region, die eine ähnlich bittere Entwicklung seit der Wende durchliefen, durch mehrere Faktoren ab: Überdurchschnittlich viele Neonazis, die teils als Jugendliche nach der Wende die Szene aufbauten, sind bis heute in der Stadt aktiv. Es gab zudem eine hohe Dichte an Rechtsrockbands, die teilweise bis heute Bestand haben. Und in Gera saß die Führung der Thüringer Sektion von Blood & Honour, die den bewaffneten Kampf über Rechtsrockkonzerte propagierte und finanzierte. Zwanzig Jahre später veranstalten dieselben Personen noch Großkonzerte. Der NSU-Helfer André Eminger ist über die Rockergruppe Stahlpakt und über die Gefangenenhilfe eng mit Geraer Neonazis verbunden und taucht dort selber immer wieder auf. Mit der Gründung der AfD traten mehrere Akteure aus den Neunzigern der AfD bei, darunter ein noch heute aktiver Rechtsrocker. Und auch die Proteste der Pandemieleugner*innen werden in Gera von Neonazis aus dem früheren Umfeld von Blood & Honour Hand in Hand mit der AfD organisiert. Weiterlesen

Jenaer Kontinuitäten und fehlende Konsequenzen aus dem NSU-Komplex (2): Durch ein halbes Dutzend Jenaer Hände – Wie organisierte Kriminelle und Neonaziszene die NSU-Mordwaffe beschafften

Madley – bis 2009 rechter Szeneladen in der Wagnergasse Jena (Foto: Indymedia)

Der NSU beschaffte sich im Laufe seines Bestehens eine Vielzahl an Waffen. Beim Großteil der Waffen wurde die Herkunft bis heute nicht aufgeklärt. Eine Waffe hatte jedoch eine besondere Bedeutung im NSU-Komplex, da mit ihr alle bekannten rassistischen Morde des NSU begangen wurden: Die Česká 83. Bei der Analyse des Beschaffungswegs dieser Waffe zeigt sich die enge Verflechtung von Neonazi-Szene und organisierter Kriminalität in Jena gegen Ende der 1990er Jahre.

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Jenaer Kontinuitäten und fehlende Konsequenzen aus dem NSU-Komplex (1): Beate Zschäpes Cousin und die Alt-Hooligans

links: Kameradschaft Jena 1996: (unten v.r.n.l.) Stefan Apel, Uwe Böhnhardt, Ronny Weigmann, (oben v.r.n.l.) Michael Horn, André Kapke, Holger Gerlach, Ralf Wohlleben; rechts: Stefan Apel (2.v.r.) mit der Kameradschaft Jena-Gladbach; Thomas Krause (1.v.r., verstorben), Steffen Sieber (3.v.r.), Tilo Webersinke (5.v.r.), Jens Tetzlaff (3.v.l.) im Oktober 2016 auf der Saalebrücke.

Stefan Apel gehörte seit Anfang der Neunziger zum Kern der Jenaer Naziszene und war am Aufbau der Kameradschaft Jena mitbeteiligt. Als Cousin von Beate Zschäpe war er bestens mit der Gruppe um Uwe Mundlos, Uwe Böhnhardt, André Kapke etc. vertraut. Apel pflegte auch beste Kontakte ins Chemnitzer Blood&Honour-Milieu, das 1998 zur wichtigsten Unterstützungsstruktur des NSU-Kerntrios wurde. Nach der Jahrtausendwende wandte sich Apel der rechten Hooliganszene zu. Apel lebt noch heute in Jena, ist beim SV Zwätzen Mitglied der rechten Fangruppe Falken Zwätzen und bewegt sich seit knapp zwanzig Jahren im Kreise der Kameradschaft Jena-Gladbach, einer Freundschaft rechter Hooligans von FCC Jena und Borussia Mönchengladbach. Aktuell ist Apel für eine größere Hausmeisterfirma in Jena tätig und hat damit Zugang zu unzähligen Mehrparteienhäusern im Zentrum und anderen Stadtvierteln. Mit Stefan Apel beginnen wir anlässlich von zehn Jahren Selbstenttarnung des NSU eine Reihe über Jenaer Kontinuitäten und fehlende Konsequenzen aus dem NSU-Komplex.

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Jena und der NSU-Komplex: Kontinuitäten und fehlende Konsequenzen

Am 4. November jährt sich die Selbstenttarnung des NSU zum 10. Mal. Im Jahr 2011 reagierte die Stadt auf das Auffliegen des von Jena ausgehenden Terrornetzwerks mit vorauseilender Schuldabwehr und der Sorge um den guten Ruf als liberales Wirtschaftswunder in Ostdeutschland. Als ob die Beschwörung des Mantras der “bunten und weltoffenen Stadt” die Schuld und die lokale Verantwortung aufwiegen könnten. Der gesellschaftliche Rassismus und die Fragen der Betroffenen sollten keine Rolle spielen. Seither ist bundesweit viel passiert: Die Überlebenden der Anschläge und Hinterbliebenen der Todesopfer haben ausdauernd darum gekämpft, gehört zu werden und Antworten auf ihre Fragen zu erhalten. Anders als in den Jahren vor 2011 wurde ihre Forderung nach Aufklärung von Teilen der Gesellschaft ernstgenommen und unterstützt, während der Staat in Gestalt verschiedener Landesregierungen und Bundesministerien an entscheidenden Stellen weiterhin mauerte. Obwohl sich der NSU selber als ein “Netzwerk von Kameraden” bezeichnete, wurden im NSU-Prozess lediglich fünf Personen schuldig gesprochen, von denen vier aus Jena stammten. Wie durch die Arbeit engagierter Journalist*innen, Antifaschist*innen, Parlamentarier*innen und Nebenklagevertreter*innen aufgeklärt werden konnte, bestand das Netzwerk des rechten Terrors jedoch aus zahlreichen namentlich bekannten Personen. Alleine aus Jena und Ostthüringen lassen sich Dutzende Personen benennen, die dem Terror den Weg bereiteten und dem NSU-Kerntrio beim Untertauchen und Leben im Untergrund halfen.
Wenngleich die Stadt Jena nach öffentlichem Druck mit der Benennung des Enver-Şimşek-Platzes den Forderungen Hinterbliebener nachkam und aktuell in einer Veranstaltungsreihe wichtige Fragen der gesellschaftlichen Entstehungsumstände des NSU diskutiert, verbleiben die Konsequenzen aus der Terrorserie auf einer diskursiven Metaebene. Von wem die konkrete Gewalt ausging, lässt sich jedoch benennen: Es waren Mitglieder der Jenaer Kameradschaft, der Burschenschaft Normannia, von Rechtsrockbands und rechten Skinhead-Cliquen. Konsequenzen aus dem rassistischen und rechten Terror von Thüringer Heimatschutz und NSU zu ziehen, muss daher auch die Auseinandersetzung mit diesen Personen und ihren Biographien beinhalten. Die Betroffenen der Baseballschlägerjahre in den 90ern und 2000ern müssen genauso wie die Überlebenden und Hinterbliebenen der NSU-Terrorserie für immer mit den Folgen und tiefen Verletzungen leben. Derweil führen viele der TäterInnen[*] und NSU-HelferInnen ein bequemes Leben mitten der Jenaer Stadtgesellschaft.

Wir haben da einige unbequeme Fragen: Wer sind diese Neonazis und ex-Neonazis, die heute noch in Jena und Umland leben? Welchen Anteil hatten sie an der Entfesselung des rechten Terrors und dem Gelingen der NSU-Mordserie? Wer von ihnen ist heute noch aktiv? Und welche Verantwortung könnten diese Personen heute noch für die Aufarbeitung des rechten Terrors übernehmen? In einer hiermit eingeleiteten Artikelserie wollen wir einige Antworten auf diese Fragen liefern und den Entstehungsumständen des rechten Terrors Gesichter geben.

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Die alte Garde rechter Jenaer Hooligans: Kameradschaft Jena-Gladbach

Selbstdarstellung der Kameradschaft Jena-Gladbach in Mönchengladbach: Uwe Wallis (1.v.l.), Thomas Schmitz (3.v.l.), Norbert Schulz (4.v.l.) und Sascha Molls (1.v.r.); rechts: Sascha Molls (Gladbach) mit Hakenkreuz-Tattoo. (Fotos: Soziale Medien)

In Jena konnten über das vergangene Jahrzehnt organisierte Nazistrukturen sehr weit zurückgedrängt werden. Als eine der letzten organisierten Gruppen, in der gewaltaffine Neonazis zusammen kommen, kann die Kameradschaft Jena-Gladbach beim FC Carl Zeiss Jena zählen. Die Kameradschaft ist eine Hooligan-Freundschaft aus Vorwendezeiten, deren Mitglieder sich bis heute gegenseitig bei Heim- und Auswärtsspielen besuchen. Noch zu DDR-Zeiten pflegten Anhänger*innen ostdeutscher Fußballvereine, westdeutsche Fans bei ihren Auswärtsspielen in der DDR zu begleiten. Zudem reisten westdeutsche Hooligans in Wendezeiten gern in den Osten, wo die Volkspolizei weniger Erfahrung und Gegenstrategien gegen Krawalle in und außerhalb der Stadien hatte. In Jena hat sich seit Ende der Achtziger eine enge Verbindung zwischen Jenaer Neonazi-Hooligans und ihrer Gladbacher Entsprechung gehalten. Im Stadion fallen die Alt-Hooligans kaum politisch auf. Jenaer Kameradschafts-Mitglieder sind gleichwohl unter den wenigen lokalen Neonazis, die überregional zu Naziaufmärschen und Rechtsrockfestivals fahren. Und auch an den jüngsten Protesten von Pandemieleugner*innen beteiligten sich Teile von ihnen. Grund genug, einen genaueren Blick auf ihre Netzwerke zu werfen. Weiterlesen

„Volk ans Gewehr!“ – Neonazi übernimmt Führung im Jenaer Gartenverein Am Birnstiel

Profilbild von Steven Schmied auf Stayfriends

Steven Schmied (Foto: Stayfriends)

Im Kleingartenverein Am Birnstiel in Jena-Süd gibt es Streit: Den Betreiber*innen des örtlichen Gartenlokals droht die Kündigung, der Vereinsvorstand tritt vorzeitig zurück und es steht eine polarisierte Neuwahl bevor. Soweit nichts Ungewöhnliches für deutsche Vereinskultur, möchte man meinen. Der genauere Blick auf einen aussichtsreichen Kandidaten für den Vorstandsposten lässt jedoch Ungutes erahnen: Steven Schmied, der bereits kommissarischer Vorstand ist, ist ein Neonazi mit lange zurückreichenden Kontakten in die Jenaer Naziszene um NSU-Helfer Ralf Wohlleben. Schmied verbreitet im Netz NS-Ideologie, rassistische und antisemitische Hetze und ruft mit SA-Parolen zum bewaffneten Sturz der Regierung auf. Er beteiligte sich zudem an Kundgebungen der AfD in Jena. Sollte Schmied sich als Vorstand durchsetzen, strebt er auch eine Übernahme des Gartenlokals an. Weiterlesen

Justizwunder Martin Brehme (Eisenberg): Rechter Schläger wegen Rechtsfehlern zwei Jahre früher zurück in der Szene

(v.l.n.r.) Martin Brehme, Sidney Sambale, Steffen Thiel beim Naziaufmarsch in Dresden am 13.02.2021 (Foto: Recherche Nord)

Wir hatten bereits 2018 in unserer Artikelreihe zu rechten Schlägern einen Text über Martin Brehme aus Eisenberg veröffentlicht, da er wiederholt durch brutale Angriffe aufgefallen war. Aufgrund einer Vielzahl von Körperverletzungen und anderen Delikten musste Brehme im Herbst 2017 eine Haftstrafe von zwei Jahren und zwei Monaten antreten, die er ohne vorzeitige Entlassung bis zum 28.11.2019 in der JVA Hohenleuben absaß. Bei seinem früheren Arbeitgeber, dem Eisenberger Gerüstbau, fand er umgehend wieder Arbeit. Gleichzeitig war er bald schon wieder mit Neonazi-Kadern und bei Aufmärschen zu sehen. Als im Februar 2020 seine Beteiligung an den Neonazi-Angriffen in Connewitz am 11.01.2016 verhandelt wurde, offenbarte sich, dass seine vorige Haftstrafe vom Amtsgericht Jena fehlerhaft berechnet worden war. Aufgrund dieses Fehlers konnte in Leipzig eine Bewährungsstrafe ausgesprochen werden. Hätte das Amtsgericht Jena im Jahr 2017 korrekt geurteilt, dann hätte Brehme zwangsläufig in der Connewitz-Verhandlung eine gut zweijährige Verlängerung seiner Haftstrafe bis Ende 2021 erhalten.

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Patrioten Ostthüringen – Zwischen AfD, Reichsbürgern und Artgemeinschaft

Frank Haußner und Christian Bärthel bei einer Corona-Demo im Dezember 2020 in Zeulenroda. (Screenshot: Youtube)

Seit Beginn der Coronapandemie erlebt die extrem rechte Gruppe “Patrioten Ostthüringen” Aufwind. Ihr Sprecher Frank Haußner tritt auf zahlreichen extrem rechten, verschwörungsideologischen Veranstaltungen als Redner auf, bei denen er seine antisemitische Reichsbürgerideologie verbreitet. Seit Oktober 2020 organisiert Haußner auch selbst Aufmärsche in Zeulenroda, bei denen verschiedene Spektren der extremen Rechten von der AfD, über “Der III. Weg” bis hin zu Führungspersonen der völkischen Artgemeinschaft vertreten sind. Neben Haußners eindeutiger ideologischer Ausrichtung fällt die Einbindung von weiteren Mitgliedern der “Patrioten Ostthüringen” in bundesweite Holocaustleugner:innen- und Neonazinetzwerke auf. Die Gruppe dient als Bindeglied zwischen der AfD als parlamentarischem Arm und außerparlamentarischen Neonazistrukturen, die bis ins Unterstützer:innenumfeld des NSU reichen. Weiterlesen