Personenübersicht Gera

Kameradschaft Gera

Blood & Honour Gera


Mike Bär

Mike Bär (1.v.l.), Jens Fröhlich (2.v.l.) und Denis Schoner (3.v.l.) beim Nazi-Gedenken zum Volkstrauertag 2003 in Gera. (Foto: Antifa Recherche Gera)

Mike Bär (Jahrgang 1972) kommt aus Gera und war dort schon in den frühen Neunziger Jahren als Neonazi aktiv. Durch seine Ausbildung zum Fliesenleger war Bär in jener Zeit regelmäßig in Jena und freundete sich dort mit den Gründern der Kameradschaft Jena an. So kannte er auch Uwe Mundlos, Uwe Böhnhardt und Beate Zschäpe gut. Als sich Mitte der Neunziger die Kameradschaft Gera gründete, zählte auch Mike Bär mit dazu. Bär zahlte zu jener Zeit regelmäßige Mitgliedsbeiträge an die Kameradschaft, die vor allem von Gordon Richter und Jörg Krautheim angeführt wurde. Als sich 1997 in Gera die Blood & Honour-Sektion Thüringen gegründet hatte, startete Mike Bär zusammen mit Sven Zimmermann die dazugehörige Jugendgruppe “White Youth”. In einer Ankündigung, die von Blood & Honour verbreitet wurde, heißt es: “Die Idee für diese Bewegung hatte ein Kamerad aus Gera, Mike B. Er sammelte einige interessierte Leute aus ganz Thüringen zusammen und unterbreitete im Dezember 1997 zum ersten Treffen seine Ziele. Die lauteten: Junge Leute zu organisieren und sie an die ‘älteren’ Kameraden zu binden, fähige zu unterstützen und Spinner auszusortieren.” (Fehler im Original) Als Blood & Honour und White Youth im September 2000 verboten wurden, klagten Marcel Degner und Mike Bär als Thüringer Empfänger der Verbotsverfügung dagegen.

Mike Bär stand 1998 auch auf der Kontaktliste von Uwe Mundlos, die während der Razzia in der Burgauer Garage gefunden wurde, in der die Jenaer Nazis Rohrbomben hergestellt hatten. Als André Kapke im Jahr 2004 ein Rechtsrockkonzert in Wichmar organisierte, zählte auch Mike Bär zu den Helfern. 2005 war er bereits beim “Rock für Deutschland” dabei und blieb auch bis Ende der 2000er Jahre noch eine wichtige Figur bei der Organisation des immer größer werdenden Rechtsrockfestivals.

v.l.n.r.: Frank Schwerdt (NPD-Chef), Malte Redeker (Hammerskin-Anführer), André Kapke, Mike Bär und seine Frau Nadine beim Rock für Deutschland am 19.07.2008 in Gera. (Foto: Antifa Recherche Gera)

Beim Rock für Deutschland kamen regelmäßig all jene Kader zusammen, die sich bereits in den 90er Jahren im Thüringer Heimatschutz kennengelernt und gemeinsam jahrelange Erfahrung im Organisieren von Großveranstaltungen gesammelt hatten. Mithin war es ein Teil des NSU-UnterstützerInnenumfelds der ehemaligen Kameradschaften Jena und Saalfeld und von Blood & Honour Gera, dass das offiziell von der NPD veranstaltete Großevent etablierte und organisierte.

Mike Bär gründete 2004 den Bauservice Bär, mit dem er auch heute noch in Ostthüringen selbständig als Fliesenleger arbeitet. Bär wohnt in Kauern im Landkreis Greiz, wo auch seine Firma ansässig ist.

Mike Bär 2018 (Foto: Instagram)

Anja Buran

Anja Burian 2015 (Foto: Facebook)

Anja Burian gehörte Ende der 1990er Jahre zur Thüringer Blood & Honour-Sektion und lebte in Gera. Burian zählte neben dem Leiter Marcel Degner und seinem Stellvertreter Silvio Jordan zu den führenden Personen der Sektion. Burian nahm 1998 an einem Blood & Honour-Treffen in Sachsen teil, zu dem mit Jan Werner, Antje Probst, Thomas Starke, Andreas Graupner und Jörg Winter all jene sächsischen AktivistInnen kamen, die nach dem Untertauchen die wichtigsten UnterstützerInnen des NSU-Kerntrios darstellten. Bei diesem Treffen wurde auf Initiative von Antje Probst (heute Böhm) diskutiert, ob Blood & Honour zukünftig mehr militante Aktionen organisieren solle. Außerdem berichtete der brandenburgische V-Mann und Blood & Honour-Aktivist Carsten Sczepanski aus jener Phase, dass Blood & Honour Sachsen Spendengelder explizit für die Beschaffung von Waffen für das NSU-Kerntrio sammeln würde. Anja Burian verzog bald darauf nach Berlin und zählte auch dort – neben dem Deutschlandchef Stephan “Pinocchio” Lange – noch zur Führungsriege von Blood & Honour.

Blood & Honour Berlin im Februar 1998 auf einem Aufmarsch in Budapest.

Burian hielt über die Jahre Kontakt mit ihren früheren Thüringer KameradInnen. Als sich 2012 der Geraer Silvio Jordan und die beiden KahlaerInnen Jörg Brehski und Cornelia Jacob (beide den Hatebrothers 88 Kahla zuzurechnen) wiedertrafen, kommentierte Burian dies freudig auf Facebook. Bis heute zählt mit Daniel “Kurti” Porsche einer der früheren Blood & Honour-Kader aus Gera zu ihren Kontakten. Burian war 2019 für die Berliner Landesbibliothek tätig und dort zudem stellvertretende Frauenvertretung. Burian lebt in Eberswalde und ist dort seit 15 Jahren im Haus Schwärzetal beschäftigt.

Anja Burian 2019 in den Bibliotheksdiensten Berlin

Marcel Degner

Thorsten Heise (l.) und Marcel Degner (in Jacke von Blood & Honour Thüringen) am 04.09.1999 in Gera. (Foto: Antifa Recherche Gera)

Der 1975 geborene Marcel Degner (Spitzname: “Riese”) war seit Anfang der Neunziger Jahre als Neonazi aktiv. Er organisierte bereits 1994 eine Busfahrt nach Buchenwald, wo die mitfahrenden Nazi-Skinheads randalierten. In den Folgejahren organisierte er zahlreiche Rechtsrockkonzerte in Ostthüringer Gaststätten und profilierte sich damit innerhalb des entstehenden Blood & Honour-Netzwerks. Nach der Gründung der deutschen Division von Blood & Honour wurde Degner zu ihrem bundesweiten Kassenwart und zum Leiter der Thüringer Sektion. Degner organisierte weiterhin Konzerte und war auch an der Produktion des Blood & Honour Magazins beteiligt, das er versuchte, klandestin mit dem Bundeschef Stephan Lange und dem fränkischen Aktivisten Bernd Peruch zu produzieren und zu verbreiten. Das Magazin war eine bundesweit relevante Publikation, in der auch zahlreiche Bands und Neonazi-Kader aus dem Ausland zu Wort kamen.

Degner stand in gutem Kontakt zu den Führungspersonen des Thüringer Heimatschutzes, darunter auch die späteren NSU-Unterstüzer Holger Gerlach, André Kapke, Tino Brandt UND /oder Mario Brehme. Im THS-Treffpunkt in Heilsberg organisierte Degner Konzerte mit. Auch mit den sächsischen UnterstützerInnen des NSU war Degner bestens vernetzt, wie Einträge aus seinem Adressbuch zeigten. Darunter fanden sich die Blood & Honour-Kader und Helfer des untergetauchten Kerntrios Thomas Starke, Andreas Graupner, Antje Probst und Jan Werner. Auch André Eminger fand sich in Degners Adressbuch, genauso wie der spätere Zwickauer NSU-Unterstützer und V-Mann Ralf “Manole” Marschner.

Marcel Degner (1.v.l.) bei einem Treffen von Blood & Honour Deutschland 1997 in Leipzig. (Foto: AIB)

Marcel Degner sammelte bei Konzerten der Thüringer Sektion Gelder für die Untergetauchten, die er u.a. an André Kapke weitergab. Über diese Spenden kam es zu Unstimmigkeiten, weil beim Trio in Chemnitz davon nichts ankam. Nachdem Degner dies mit anderen UnterstützerInnen des Trios thematisiert hatte, kam es zu Untreuevorwürfen und Misstrauen gegenüber Kapke. Degner nutzte außerdem ein Blood & Honour-Konzert 1999 in Schorba bei Jena, um Thomas Starke, wichtiger Unterstützer der Untergetauchten in Chemnitz, Spendengelder anzubieten. Bei dieser Gelegenheit winkte Starke nur ab und erklärte Degner süffisant, dass die drei Untergetauchten nun “jobben” würden. Gemeint war, dass sie mit Banküberfällen begonnen hatten.

All diese Informationen gab der als V-Mann “Hagel” tätige Degner in rund 150 Treffen an den Thüringer Verfassungsschutz weiter und kassierte dabei jedes Mal zwischen 300 und 500 DM. Kurz vor dem Verbot von Blood & Honour Deutschland wurde Degner jedoch als V-Mann abgeschaltet. Bei der Durchsuchung seiner Wohnung anlässlich des Verbots am 12.09.2000 wurde nichts Verwertbares oder groß Belastendes gefunden. Im Jahr 2001 wurde an die TLZ durchgestochen, dass Degner V-Mann gewesen sei und vor der Razzia einen Hinweis vom Verfassungsschutz bekommen hätte. Die Treffberichte und anderen Akten zu Degner im Thüringer Landesamt für Verfassungsschutz waren spätestens 2003 allesamt verschwunden, wie ein Mitarbeiter des Dienstes bemerkte. Degner selber bestreitet seit damals die Vorwürfe und hielt auch bei seinen Aussagen im NSU-Prozess daran fest, dass die V-Mann-Vorwürfe behördliche Spaltungsmanöver gewesen wären, die jeder Grundlage entbehrt hätten.

In der rechten Szene fiel er seither nicht mehr auf. In Gera konnte er jedoch all die Jahre ungestört weiter wohnen bleiben, was nicht dafür spricht, dass seine ehemaligen Kameraden ihm die V-Mann-Tätigkeit besonders übel genommen haben.
Marcel Degner ist selbständig als Baudienstleister tätig. In seiner Freizeit betreibt er Sport beim Sportforum Gera und beteiligt sich dort u.a. am Paintball-Spielen mit der Rückennummer “88” (Szenecode für HH = Heil Hitler).

Jens Fröhlich

Jens Fröhlich (r.) am 12.2.2000 vor dem Aufmarsch von NPD und THS in Gera. (Foto: Antifa Recherche Gera)

Der 1978 geborene Jens Fröhlich (‘Künstler’-Name: “Asemit”) politisierte sich im Jugendalter in den 1990er Jahren als Neonazi-Skinhead in Gera. 1996 gründete er die rechte Oi-Band Oigenik, deren Name sich explizit auf den unter Eugenik bekannten NS-Massenmord bezog, der einer Wahnvorstellung von lebenswertem und -unwertem Erbgut zufolge Menschen vernichten sollte, die nicht zur deutschen Volksgemeinschaft gezählt wurden. Die Band benannte sich bald darauf in Eugenik um und wandelte ihren Musikstil von Oi zu Pagan-Metal. Als der Geraer Kameradschafter Mike Bär Ende 1997 die an Blood & Honour-angebundene Jugendbewegung White Youth ausrief, wurde Jens Fröhlich einer ihrer aktivsten Anhänger. In einem Interview mit einem Neonazi-Fanzine bekannten sich 1998 die gesamte Band Eugenik dazu, Mitglied bei White Youth zu sein. Fröhlich war mit Eugenik tief in die Netzwerke des späteren NSU eingebunden: Nicht nur spielte die Band ihr erstes Live-Konzert im Gasthof Heilsberg, dem Treffpunkt des Thüringer Heimatschutzes – auf ihrer ersten Homepage verlinkten sie auch die Seite Oikrach von Thomas Richter aus Halle, der später als V-Mann “Corelli” bekannt wurde und schon 2005 eine CD mit dem Titel “NSU/NSDAP” an den Geheimdienst übergab.

Neben Eugenik spielte Fröhlich nach der Jahstausendwende auch bei der von Denis Schoner gegründeten NS-Black-Metal-Band Totenburg (Anm.: In einer früheren Version hieß es fälschlicherweise, dass Fröhlich Totenburg mitgegründet hätte). Totenburg fand seit der Gründung sowohl in der Neonazi-Skinheadbewegung als auch in der Black-Metal-Szene Anhänger. Die Szene ist seit jeher eine Grauzonen-Bewegung, in der regelmäßig Neonazis mit politisch nicht klar zu verortenden Metallern auf Konzerten zusammenkommen. Fröhlich hatte mit Epithalium zeitweise ein weiteres Bandprojekt, an dem Musiker anderer NSBM-Bands beteiligt waren. In der NSBM-Szene zählen Fröhlich und Schoner bis heute zu den bundesweit aktivsten Köpfen und arbeiteten seit den Neunzigern bis mindestens in die späten 2000er Jahre eng mit Hendrik Möbus von der NSBM-Kultband Absurd zusammen. Möbus hatte zusammen mit seinen Bandkollegen in den Neunzigern seinen Mitschüler Sandro Beyer zu Tode gefoltert. Auch nach Ende seiner Haftzeit verunglimpfte er sein Opfer im NS-Jargon als “unwertes Leben”.

Denis Schoner und Jens “Asemit” Fröhlich auf dem Backcover des Totenburg-Albums „Pestpogrom. (Bild: Discogs)

Nach dem Verbot von Blood & Honour und White Youth 2000, gegen das Neonazis aus Gera erfolglos geklagt hatten, war Jens Fröhlich an der Fortführung der Gruppierungen im Untergrund beteiligt. Auf einem von Thüringen aus produzierten Blood & Honour-Sampler unter dem Titel “Trotz Verbot nicht tot” waren sowohl Totenburg als auch Eugenik mit Songs vertreten. Im November 2003 gab es bei Fröhlich deswegen eine Hausdurchsuchung.
Fröhlich baute sich über die Jahre einen Erwerb als Produzent und Vertreiber von NS-Black-Metal und Fanartikeln rund um Black Metal und heidnische Mythen auf. Was als “88 Records” begann, benannte Fröhlich später in “Ewiges Eis Records” um. Parallel vertreibt er über den “Methorn Versand” Musik und verschiedenste Artikel aus diesem Spektrum.
Eugenik blieb in der Naziszene eine beliebte Band und spielte bis mindestens 2008 noch Konzerte auf dem Rock für Deutschland in Gera.

Eugenik beim Rock für Deutschland am 19.07.2008 in Gera: (v.l.n.r.) Robert Wunderlich, David Nonn, Jens Fröhlich, Marcel Niebuhr. (Foto: Antifa Recherche Gera)

Nach der Festnahme von André Eminger im Rahmen der Ermittlungen zum NSU geriet auch Jens Fröhlich kurzzeitig ins Visier der Polizei. Nicht nur war seine Handynummer in Emingers Handy gespeichert gewesen, sondern es wurde auch ein gefälschter Reisepass auf den Namen Michael Fröhlich in der Zwickauer Wohnung des NSU-Kerntrios gefunden. Hier spekulierten die Ermittler*innen, dass für den Pass entweder der Zwickauer Neonazi Eric Fröhlich oder Jens Fröhlich aus Gera eine Legende geliefert haben könnten. Fröhlich zählt außerdem zum Geraer Ableger der Rockergruppe Stahlpakt MC, die nach Emingers Verhaftung eine Solidaritätswebseite aufsetzte und für Spenden warb.

Roberto Graf

Jens Fröhlich (1.v.l., m. Sonnenbrille) und Roberto Graf (1.v.r., m. Lederjacke) beim Aufmarsch von THS und NPD am 12.02.2000 in Gera. (Foto: Antifa Recherche Gera)

Der 1970 geborene Roberto Graf (Spitzname “Matzo”) ist Neonazi-Skinhead der ersten Stunde in Gera gewesen. Als er 1992 wegen verschiedenster Delikte in Haft kam, wurde sein Kontakt neben dem des damaligen FAP-Funktionärs Thorsten Heise auf einer US-amerikanischen Liste von “White Prisoners of War” veröffentlicht. Urheber der Liste war die “NSDAP/AO”, die eine Nachfolge der deutschen NSDAP beanspruchte.

Roberto Graf und Thorsten Heise auf einer Liste von “White Prisoners of War” der US-amerikanischen NSDAP/AO in den Jahren 1992-1993. (Bild: Antifa Recherche Gera)

Zurück in Freiheit zählte Graf zu den Mitgründern der Kameradschaft Gera und übernahm die Verwaltung der Mitgliedsbeiträge. Auch an den Anfängen der Thüringer Sektion von Blood & Honour war Graf 1997 noch beteiligt, bevor er aufgrund verschiedenster Betrugs- und Volksverhetzungsdelikte wieder ins Gefängnis musste. Bis zum Verbot im Jahr 2000 zählte Graf dann noch zur Thüringer Sektion von Blood & Honour. Drei Jahre später eröffnete Roberto Graf in Gera den Szeneladen “Inside”. Hier wurden neonazistische Kleidungsmarken und CDs verkauft. Allerdings schloss Graf den Laden nur ein halbes Jahr später, nachdem es antifaschistische Protestaktionen gegeben hatte.

Roberto Graf vor dem Inside in Gera 2003. (Foto: Indymedia)

Graf blieb über all die Jahre aktiver Teil der Geraer Naziszene. Er war regelmäßig an der Organisation des Rechtsrockfestivals “Rock für Deutschland” beteiligt und nahm auch ansonsten an NPD-Veranstaltungen oder dem Volkstrauertaggedenken teil. Als 2013 ein Bürger*innenbündnis zu einer Protestaktion auf das Gelände des Rock für Deutschland geleitet wurde, musste Graf, selbst Mitorganisator, von seinen eigenen Kameraden davon abgehalten werden, auf die Gegendemonstrierenden loszugehen. Zur Kommunalwahl 2014 kandidierte Graf in Gera für die NPD. Am 1. Mai 2017 erschien er auch zum Aufmarsch von Der III. Weg in Gera und fuhr zwei Monate später mit seinen alten Blood & Honour-Kameraden und früheren Kameradschaftern zum “Rock gegen Überfremdung” in Themar.

Roberto Graf (l.) und Christian Kresse beim Neonazi-Großfestival in Themar am 15.07.2017. (Foto: Recherche Nord)

Roberto Graf hat ursprünglich eine Lehre als Maurer absolviert, hat aber seither in verschiedensten Jobs, u.a. in der Sicherheitsbranche gearbeitet.

Nils Großenbach

v.l.n.r.: Roberto Graf, André Kluge, Marcel Degner, 1.v.r. Nils Großenbach bei NPD und THS in Gera am 04.09.1999. (Foto: Antifa Recherche Gera)

Der 1975 geborene Nils Großenbach gehörte ab Mitte der Neunziger zur Geraer Naziszene. Als solcher wurde er vom Verfassungsschutz als potentielle Quelle im Rahmen der Operation Rennsteig auserkoren. Großenbach bewegte sich in den Strukturen der Kameradschaft Gera und von Blood & Honour. 1997 nahm er neben dem späteren NSU-Trio und seinen Jenaer Helfern an einem Naziaufmarsch in Neuhaus am Rennweg teil. Zum Aufmarsch von THS und NPD am 04.09.1999 lief Großenbach neben der Thüringer Sektion von Blood & Honour um Anführer Marcel Degner mit.

Über Großenbachs Aktivitäten seit 2000 ist nichts bekannt. Verschiedene Fotos in den sozialen Medien zeigen ihn jedoch in den letzten 5-10 Jahren wiederholt mit ehemaligen Kadern von Blood & Honour Gera, vor allem mit Silvio Jordan. Diese Gruppe trifft sich regelmäßig in der Kneipe „Toto’s Treff“. Auf Aktionen erschien Großenbach im September 2015 neben seinen alten Kameraden Christian Klar und Jörg Krautheim wieder, als Thügida eine ihrer ersten Kundgebungen in Gera abhielten. Thügida wurde von David Köckert aus Greiz gegründet, der wie Großenbach Anhänger von Blood & Honour war. Gera wurde schnell zum Schwerpunkt der im selben Jahr begonnenen neofaschistischen Thügida-Aktionen. Drei Jahre später nahm Großenbach auch am Neonazi-Gedenken zum Volkstrauertag 2018 neben seinen Kameraden aus den Neunzigern teil.

Nils Großenbach (3.v.r.), Josef Höschler (2.v.r.), Christian Kresse (1.v.l.) und Roberto Graf (2.v.l.) beim Volkstrauertag am 18.11.2018 in Gera. (Foto: Antifa Recherche Gera)

Michael Hesse

Michael Hesse im Gespräch mit Rick Wedow bei einer PDS-Veranstaltung 1999 im Jenaer Paradiespark; linker Bildrand: NSU-Helfer Carsten Schultze. (Foto: Jenaer Antifaschist*innen)

Michael Hesse (Jahrgang 1981) wurde als Jugendlicher Ende der Neunziger Teil der Geraer Naziszene. Im klassischen Skinhead-Stil trug er eine schwarze Bomberjacke mit einem Aufnäher der britischen Rechtsrockband “No Remorse” auf der Schulter. William Browning, Gitarrist bei No Remorse, prägte das rechtsterroristische Netzwerk Combat 18, das für Morde und rassistische Anschläge verantwortlich ist. Michael Hesse wurde Mitglied der Kameradschaft Gera, die zu diesem Zeitpunkt schon bestens im Thüringer Heimatschutz vernetzt war und mit Jörg Krautheim einen der THS-Sprecher in ihren Reihen hatte. Im Jahr 1999 begleitete Hesse Jörg Krautheim bei einer Störaktion des THS gegen eine PDS-Veranstaltung auf der Rasenmühleninsel im Jenaer Paradiespark. Hesse und Krautheim trafen sich dort mit Tino Brandt aus Rudolstadt und mit der Jenaer Kameradschaft um Rick Wedow, Ralph Oertel, Ronny Artmann und Carsten Schultze. Schultze war in dieser Zeit einer der zentralen Unterstützer des im Vorjahr untergetauchten NSU-Kerntrios.

Michael Hesse (4.v.l.) und Tino Brandt bei einer Störaktion des THS gegen eine PDS-Veranstaltung in Jena im Sommer 1999. (Foto: Jenaer Antifaschist*innen)

Im Folgejahr marschierte Hesse mit der Kameradschaft Gera beim Aufmarsch von NPD und THS durch Gera. Hesse war außerdem im Juni 2000 an einer Randale in der Geraer Innenstadt beteiligt, bei der neben ihm die Kameradschafter Nico Hüfner und Jörg Krautheim sowie das Blood & Honour-Mitglied Daniel Schultheiß festgenommen wurden. Auch als in den folgenden Jahren die Kameradschaft schrittweise im NPD-Stadtverband Gera aufging, blieb Hesse aktiv. 2001 und 2003 beteiligte er sich erneut an Naziaufmärschen in Jena.

Michael Hesse (1.v.r.) und der Rudolstädter Thomas Wienroth (r. am Transparent) bei einem antisemitischen NPD-Aufmarsch in Jena am 14.07.2001. (Foto: Jenaer Antifaschist*innen)

2004 beteiligte er sich an einem Versuch der Übernahme der ursprünglich links geprägten Geraer Montagsdemo und 2005 marschierte er mit der NPD durch Erfurt. Seit Mitte der 2000er etablierte sich das Konzept der als Parteikundgebungen der NPD getarnten Rechtsrockfestivals vor allem in Thüringen und Sachsen. Auch in Gera hatten Hesses Kameraden mit dem “Rock für Deutschland” ein solches jährliches Event etabliert, das zunehmend größer wurde. Michael Hesse besuchte zudem 2009 mit dem Ronneburger Kevin Schulhauser das Rechtsrockfestival “Thüringentag der nationalen Jugend” in Arnstadt.

Michael Hesse und Kevin Schulhauser (m. Flasche) beim Thüringentag der nationalen Jugend in Arnstadt am 14.07.2009. (Foto: Infothek Dessau)

Hesse besuchte auch das “Rock für Deutschland” in Gera 2014 und begann danach, die aufkommenden Thügida-Hetzdemos mit der Kamera zu begleiten. 2017 marschierte er zum 1. Mai auch bei der militanten Kleinstpartei “Der III. Weg” durch Gera und fuhr zwei Monate später zum Großevent der europäischen Naziszene nach Themar. 2018 war er auch bei einer NPD-Kundgebung in Gera dabei. In den vergangenen Jahren war Hesse außerdem immer wieder bei Kundgebungen des Hallenser Neonazis Sven Liebich, die er ebenso filmte und ins Netz stellte. Bei all diesen Aktionen war Hesse in Begleitung der beiden Geraer Neonazi-Aktivistinnen Beatrice Fischer und Beatrice Koschmieder.
Seit Beginn der Corona-Pandemie ist Michael Hesse einer der Mitorganisator*innen der Geraer Proteste, die er zudem konstant filmt und auf seinem Youtube-Kanal “Rebell” hochlädt. Hesse ist auch bei allen verbotenen oder klandestin vorbereiteten Aktionen mit der Kamera dabei, bei denen oft Pyrotechnik gezündet wird. Als zum Jahreswechsel 2021/2022 Sven Liebich aus Halle nach Greiz reiste, um mit einer Aktivbox von einem Hügel aus die Greizer Innenstadt mit Hetzparolen zu beschallen, erschien danach ein Video auf Hesses Kanal. Drei Wochen später kam Liebich nach Gera, um nur kurz nach einem bedrohlichen Aufmarsch vor dem Wohnhaus des Bürgermeisters diesen erneut im Dunkeln per Megaphon zu beschimpfen.

Michael Hesse als Youtuber “Rebell” bei Sven Liebichs NS-relativerendem Aufmarsch zum 03.10.2021 in Halle. (Foot: Paul Hanewacker)

Silvio Jordan

Silvio Jordan (oben Mitte in grau) hinter dem Banner von Blood & Honour Thüringen beim Aufmarsch von NPD und THS am 12.02.2000. (Foto: Antifa Recherche Gera)

Der 1977 geborene Silvio Jordan (Spitzname: “Hotte”) zählt seit spätestens 1995 zur militanten Neonaziszene in Gera. Bei Fahrten zu Skinheadkonzerten fiel er wiederholt durch verbotene NS-Symboliken auf und war an Ausschreitungen beteiligt. In Gera beging er zudem gemeinschaftliche Übergriffen auf Linke. Nachdem sich von Gera aus 1997 die thüringische Sektion von Blood & Honour Deutschland gegründet hatte, wurde Jordan zum stellvertretenden Leiter. Als solcher war er bundesweit bestens vernetzt und traf 1998 bei einem Divisionstreffen u.a. die gesamte Chemnitzer und Dresdener Riege an UnterstützerInnen des bereits untergetauchten NSU-Kerntrios.

Mit dem Verbot von Blood & Honour im Jahr 2000 und der Enttarnung Marcel Degners als V-Mann 2001 kamen auch Silvio Jordans maßgebliche Aktivitäten erstmal zum Erliegen. Jordan blieb später Teil der Organisationsstruktur des jährlichen Rechtsrockfestivals “Rock für Deutschland”, in die die halbe Geraer Szene eingebunden war.

Silvio Jordan (1.v.l.) beim “Rock für Deutschland” in Gera am 06.07.2013. (Foto: Antifa Recherche Gera)

2014 kandidierte Jordan neben den früheren Kameradschaftsanführern Roberto Graf und Gordon Richter für die NPD zur Kommunalwahl in Gera. An rechten Aufmärschen nahm er in jenen Jahren weiterhin teil, wengleich die NPD in Gera trotz des jährlichen Festivals mit bundesweiter Bedeutung nie eine feste Basis entwickelte. Jordan fuhr 2017 neben Roberto Graf und dem früheren Schlagzeuger von Legion Ost, Raik Schumann, zum “Rock gegen Überfremdung” nach Themar. Auch ist Jordan auf privaten oder politischen Zusammenkünften der Geraer Szene anzutreffen und hält nach wie vor Kontakte zu seinen früheren Kameraden aus dem Blood & Honour-Netzwerk.

(v.l.) Silvio Jordan, Roberto Graf und Christian Kresse beim neonazistischen Volkstrauertagsgedenken am 18.11.2018 in Gera. (Foto: Antifa Recherche Gera)

Jordan arbeitete vor mehreren Jahren noch offiziell als selbstständiger Schrottsammler in Gera.

André Kluge

André Kluge /schwarzes Shirt “14 Words”), Roberto Graf (1.v.l.), Hendrikje Bornschein (m. Sonnenbrille) und Marcel Degner (1.v.r.) beim Aufmarsch von THS und NPD am 04.09.1999 in Gera. (Foto: Antifa Recherche Gera)

André Kluge (Jahrgang 1973) kommt aus Gera-Aga und stieß Anfang der Neunziger zur Neonazi-Skinheadszene hinzu. Er bewegte sich im Umfeld der damals gegründeten Band Oithanasie um Jens Sattler. Beide zusammen griffen im Sommer 1993 in Gera unter Mitwirkung von weiteren Skinheads aus rassistischen Gründen eine Gruppe von Männern an, die zu DDR-Zeiten als Arbeiter aus Mosambik gekommen waren. Die Neonazis brachen Latten aus einem Zaun und schlugen mit den Latten, aus denen teilweise noch Nägel ragten, auf die Angegriffenen ein. Im selben Jahr wurden Kluge und Sattler mit ihrer Clique am Geraer Kornmarkt festgestellt, als sie in einem Bistro Naziparolen grölten. 1997 wurde André Kluge dann in die von Marcel Degner und Silvio Jordan gegründete Thüringer Sektion von Blood & Honour aufgenommen. Im Rahmen einer Hausdurchsuchung bei Kluge wurden 1998 Fotos gefunden, die ihn und Silvio Jordan mit einer Kettensäge hinter einer Hakenkreuzfahne zeigen. Bei mehreren Konzerten in den späten Neunzigern bekam Kluge außerdem Strafverfahren wegen seines Auftretens im Shirt von Blood & Honour. Im Jahr 2000 stellte die Polizei André Kluge in einer Gruppe von Neonazis fest, die nachts in der Geraer Innenstadt “Heil Hitler” grölten. Zu der Gruppe zählte auch Peter Bäumler, der heute erfolgreicher Kampfsportler und Kickbox-Trainer in Ronneburg ist.

André Kluge war um die Jahrtausendwende und danach speziell mit seinen Kahlaer Kameraden aus der Gruppe um die “Hatebrothers Kahla 88” unterwegs. Mit den Kahlaern Jörg Brehski und André Merker oder mit dem Stadtrodaer Maik Bügel fuhr er schon seit ca. 1997 zu Rechtsrockkonzerten. Im Jahr 2000 zogen Kluge, Merker, Brehski, Tom Turner (Mitgründer der Kameradschaft Jena und Sänger der Band Vergeltung) und weitere Neonazis mal wieder Aufmerksamkeit auf sich, als sie am Wohnort des NSU-Mordwaffenbeschaffers Andreas Schultz in Trockenborn-Wolfersdorf laut Rechtsrock hörten. 2003 fielen Kluge und Merker in Stadtroda mit nächtlicher Randale auf.
Auch wenn Kluge über die Jahre nicht mehr als rechter Aktivist auffiel, erschien er zum Solidaritätsfestival für den inhaftierten NSU-Helfer Ralf Wohlleben in Kahla, das in der Reihe des “Thüringentag der nationalen Jugend” stattfand. Begleitet wurde er dabei von den beiden früheren Kahlaer Hatebrothers-AnhängerInnen Jörg Brehski und Cornelia Jacob.

André Kluge (r.) mit Jörg Brehski beim “Thüringentag der nationalen Jugend” am 15.6.2013 in Kahla. (Foto: Antifa Recherche Jena)

Jörg Krautheim

Jörg Krautheim als Sprecher der Kameradschaft Gera im TV-Interview

Jörg Krautheim (Jahrgang 1978) war in der ersten Hälfte der Neunziger Jahre einer der Gründer der Kameradschaft Gera. Krautheim betrieb außerdem in führender Rolle die Vernetzung mit den Kameradschaften Jena und Saalfeld, wodurch er bald zu einer der Führungsfiguren des Thüringer Heimatschutzes (THS) wurde. Über die Ostthüringer Vernetzung arbeitete Krautheim u.a. eng mit dem späteren NSU-Kerntrio und seinen HelferInnen von der Kameradschaft Jena zusammen. Auch mit dem V-Mann und späteren Helfer des NSU, Tino Brandt, war Krautheim gut vertraut.

Jörg Krautheim (eingekreist) mit dem THS 1997 in Neuhaus am Rennweg mit den späteren NSU-Mitgliedern und -Helfern André Kapke (1.v.r.), Beate Zschäpe (2.v.r.), Holger Gerlach (3.v.r.), Tino Brandt (mittig) und Uwe Böhnhardt (2.v.l.)

Für die Kameradschaft Gera trat Krautheim als Sprecher auf und für den THS unterzeichnete er u.a. Flugblätter und Internetaufrufe. Krautheim war auch 1997 im Gasthof Heilsberg, als die Polizei dort im Vorfeld einer antifaschistischen Demonstration ein massives Waffenlager aushob. Daneben hetzte er mit Flugblättern und im Netz auch immer wieder namentlich gegen einzelne Antifaschist*innen, die teils danach auch Opfer von Angriffen wurden. Als der THS Ende der 1990er intern verschiedene Konflikte austrug, zählte Krautheim neben Gordon Richter und anderen Geraer Nazis zu einer Gruppe, die unter dem Namen “Die Nationalen” auftraten.

Jörg Krautheim (unten eingekreist) als Presseverantwortlicher eines THS-Aufrufs für Saalfeld 1998. (Bild: Archiv)

Zur Jahrtausendwende vollzog Krautheim unisono mit den THS-Führern Tino Brandt und Ralf Wohlleben einen Wechsel zur NPD und ließ sich 2000 in deren Landesvorstand wählen, der zur Hälfte mit THS-Aktivisten besetzt wurde. Später wurde Krautheim von der Partei auch noch zum Landesorganisationsleiter bestimmt. Im Juni 2000 wurde er, kurz nachdem die Geraer Moschee mit Steinen angegriffen worden war, nahe des Tatorts festgenommen. Bei der Festahme wurde eine Gaspistole gefunden. Zu einer Verurteilung reichte es später jedoch nicht. Auch in den frühen 2000ern blieb Krautheim einer der Hauptorganisatoren neonazistischer Aktivitäten in Gera, zu denen u.a. das Volkstrauertagsgedenken 2003 zählte. Er nahm auch an Versuchen der ehemaligen Kameradschaft teil, die Geraer Montagsdemo gegen die Einführung der HartzIV-Gesetze von rechts zu vereinnahmen.
In den Jahren danach versuchte sich Krautheim freiberuflich als Fotograf und Online-Händler für Neonazi-Devotionalien und Kampfsportbekleidung. Gemeinsam mit dem ehemaligen Kameradschafter Nico Hüfner betrieb Krautheim den rechten “Aufruhr-Versand” und im Kampfsportbereich versuchte er, mit “Attack Sports” ins Sponsoring von Wettkämpfen und Kämpfern einzusteigen. Teilweise bekam er so einen Fuß in die Tür örtlicher Veranstaltungen.
Als im Zeitraum 2012/2013 rassistische Hetzkampagnen gegen Geflüchtete auch in Ostthüringen an Fahrt aufnahmen, wurde auch Krautheim wieder in der Öffentlichkeit sichtbar. Auf seiner Homepage begann er, verurteilten Shoa-LeugnerInnen wie Horst Mahler oder Sylvia Stolz ein Forum zu bieten, indem er ihre wahnhaften antisemitischen Texte verbreitete und mit T-Shirt-Verkäufen Spendengelder sammelte. Seit der Gründung des Thüringer Landesverbands von Die Rechte 2015 warb Krautheim auf seiner Seite auch für die Partei, deren Landesvorstand er anfangs als Beisitzer angehörte.

Antisemitische Hetze und Shoa-Leugnung von Horst Mahler auf Jörg Krautheims Homepage 2014.

Im selben Jahr beteiligte sich Krautheim an den ersten Thügida-Aufmärschen in Gera im Juni und September. Mit dem Gründer der Neonazi-Kampagne, David Köckert aus Greiz, dürfte Krautheim noch aus den Neunzigern bekannt gewesen sein, als die beiden gemeinsam mit dem späteren NSU-Kerntrio durch Dresden marschiert waren. Neben weiteren alten KameradInnen aus THS-Zeiten gesellten sich bei den Geraer Thügida-Aufmärschen 2015 mit den späteren AfD-Stadträten Eike Voigtsberger und Reinhard Etzrodt oder dem späteren AfD-Kreistagsabgeordneten Martin Etzrodt auch einige heute noch aktive AfD-Kommunalpolitiker zu Krautheim und Köckert.

Jörg Krautheim (1.v.r.) am 15.06.2015 bei Thügida in Gera; 1.v.l. Thomas Kratsch (Eisenberg), 2.v.l. Daniel Steinmüller (Combat18-Aktivist aus Ronneburg). (Foto: Antifa Recherche Gera)

Krautheim fuhr 2016 auch zu mehreren Thügida-Aufmärschen nach Jena, zog sich jedoch aus der Partei Die Rechte zurück. Der Landesverband wurde von den Erfurter Neonazis und Hooligans Michel Fischer und Enrico Biczysko übernommen, die genau wie Krautheim früher in der NPD aktiv waren. Krautheim lief im Februar desselben Jahres bereits neben dem Ronneburger Shoa-Leugner Christian Bärthel bei einem Aufmarsch der AfD in zweiter Reihe durch Gera.
Jörg Krautheim war seither bei vielen einschlägigen Szeneveranstaltungen nicht anzutreffen, wohnt jedoch weiterhin in Gera und dürfte seine jahrzehntelang gewachsenen Neonazinetzwerke weiterhin pflegen. Dafür, dass er hinter den Kulissen auch die Vernetzung mit der AfD vorangetrieben hat, würde sprechen, dass er am 07.02.2022 zusammen mit Evelyn Gropp und Reiko Pflug, beide im Vorstand des Geraer AfD-Stadtverbandes, an einem Protest gegen die Corona-Schutzmaßnahmen teilnahm. Schon Ende Januar war Krautheim bei einer der wöchentlichen Demos mitgelaufen.

Jörg Krautheim (1.v.l.) beim Protest gegen Corona-Schutzmaßnahmen in Gera am 24.01.2022. (Bild: Youtube)

Daniel Porsche

Daniel Porsche 2014 beim Paintball (Foto: Facebook)

Der 1977 geborene Daniel Porsche (Spitzname: “Kurti”) stieß als Heranwachsender zur rechten Geraer Skinheadszene hinzu. Zusammen mit den Gründern von Blood & Honour Gera fuhr er ab spätestens 1997 auf Rechtsrockkonzerte. Im Februar 1998 wurde er bei einem aufgelösten Konzert in Brandenburg festgestellt und einen Monat später bekam er eine Anzeige, weil er in der Mitgliedsjacke von Blood & Honour Thüringen in Gera auffiel. Daniel Porsche war 1998 auch an einem bundesweiten Blood & Honour-Treffen in Sachsen beteiligt, zu dem auch die Chemnitzer UnterstützerInnen des untergetauchten NSU-Kerntrios gehörten. Sowohl die Geraer als auch die sächsische Blood & Honour-Sektion sammelten damals Gelder für die Untergetauchten. Die Gelder der Chemnitzer waren dabei für die Beschaffung von Waffen bestimmt.
Zu Daniel Porsches Aktivitäten nach dem Verbot von Blood & Honour im Jahr 2000 ist nichts bekannt. In den sozialen Netzwerken hält er immer noch mit einzelnen KameradInnen von damals Kontakt. Beim Paintball “Farside” in Gera trug Daniel Porsche mit der Nummer 28 noch 2014 die Chiffre für Blood & Honour auf dem Rücken.

Daniel Porsche mit der 28 beim Paintball Farside in Gera. (Foto: Facebook)

In seinem Team wirkte mindestens bis 2014 auch der um 2004/2005 sehr aktive Blood & Honour-Kader Patrick Wiedorn aus Arnstadt mit, der 2010 seinen Ausstieg aus der Szene erklärt hatte.

Patrick Wiedorn (l.) und Daniel Porsche (r.) beim Paintball 2014

Gordon Richter

Gordon Richter (1.v.l.), Uwe Böhnhardt (Mitte) und Daniel Stärz (1.v.r.) 1997 in Neuhaus am Rennweg. (Bild: NDR)

Der 1974 geborene Gordon Richter baute mit anderen Geraer Neonazis ab spätestens 1994 die Kameradschaft Gera auf. Richter zählte zu den aktivsten Teilnehmern der Kameradschaftsaktivitäten, was auch auch die Vernetzung mit den Kameradschaften Saalfeld-Rudolstadt und Jena umfasste. Aufgrund dieser exponierten Stellung wählte der Verfassungsschutz, der mit Tino Brandt bereits seit Jahren einen gut informierten Spitzel hatte, neben Dutzenden anderen Thüringer Neonazis auch Gordon Richter für die Operation Rennsteig aus. Aus der unter diesem Titel zusammengestellten Liste versuchte der Geheimdienst, weitere Quellen in der Neonaziszene zu gewinnen. Von einer Ansprache oder Kooperation Richters ist jedoch nichts bekannt. Richter marschierte 1997 gemeinsam mit dem THS durch Neuhaus am Rennweg, wobei er unmittelbar hinter dem späteren NSU-Kerntrio und seinen Helfern André Kapke, Tino Brandt und Holger Gerlach lief. Gordon Richter stand außerdem im Kontakt mit dem Chef von Blood & Honour Thüringen, Marcel Degner, wie ein Eintrag seiner Nummer in Degners Telefonbuch schlussfolgern lässt. Degner tat sich nach dem Untertauchen des NSU-Kerntrios hervor, als er dessen HelferInnen Einnahmen aus Rechtsrockkonzerten zur Unterstützung anbot.
Gordon Richter trat neben dem THS in Gera eine Zeit lang auch mit “Die Jungnationalen” auf, deren Aufkleber er auch presserechtlich verantwortete.

Gordon Richter “Lieber ein Nazi” als V.i.S.d.P. von “Die Jungnationalen” 1999. (Bild: Archiv)

Um die Jahrtausendwende tat Richter es den THS-AnführerInnen gleich und baute in Gera die NPD auf. Über die NPD begann Gordon Richter in den frühen 2000er Jahren, das von Ralf Wohlleben entwickelte Konzept von Rechtsrockfestivals unter dem Deckmantel von NPD-Versammlungen auszubauen. Was noch als “Rock gegen Krieg” in Gera begann, wurde bald in “Rock für Deutschland” umbenannt und etablierte sich als immer größer werdendes Rechtsrockfestival von bundesweiter Relevanz. Aufgrund geringen Gegenprotests und einer örtlichen Versammlungsbehörde und Polizei, die Richter als Anmelder sehr zuvorkommend behandelte, schaffte es das Event in den Jahren 2009/2010 aufgrund der mehreren Tausend TeilnehmerInnen in die bundesweite Presse.

Der Jenaer Nico Schneider (l.) und Gordon Richter am 19.07.2008 beim RfD Gera. (Foto: Antifa Recherche Gera)

Richter ist laut Eigenangaben gelernter Mechatroniker, wohnt in Söllmnitz und ist mit “Richter Dienstleistungen” selbständiger Unternehmer.

Jan Stöckel

v.r.n.l.: Jan Stöckel (Megaphon), Ralf Wohlleben (Hemd) und Jörg Krautheim beim Aufmarsch von NPD und THS in Gera am 04.09.1999. (Foto: Antifa Recherche Gera)

Der 1979 geborene Jan Stöckel war Mitte der 1990er Jahre zusammen mit Jörg Krautheim der Anführer der Kameradschaft Gera. Stöckel zählte somit zur Führungsriege des Thüringer Heimatschutz, der zu seinen Hochzeiten die Kameradschaften Gera, Jena und Saalfeld-Rudolstadt vereinte. Stöckel war dadurch gut mit den späteren Gründern des NSU und seinen HelferInnen um Tino Brandt, André Kapke und Ralf Wohlleben vernetzt. Zu den Aufmärschen von NPD und THS am 04.09.1999 und 12.02.2000 lief Stöckel mit dem Megaphon vor seiner durch ein Hochtransparent vertretenen Kameradschaft.

Jan Stöckel (1.v.l.) und die Kameradschaft Gera beim Aufmarsch von NPD und THS in Gera am 12.02.2000. (Foto: Antifa Recherche Gera)

Mit dem einsetzenden Zerfall des THS zur Jahrtausendwende trat Stöckel einhellig mit seinen THS-Führungskameraden in die Thüringer NPD ein. Diese THS-Prägung schlug sich bei den Wahlen zum Thüringer Landesvorstand derart nieder, dass die Hälfte der zwölf Vorstandsmitglieder vom THS gestellt wurde. Jörg Krautheim und Jan Stöckel zählten zu diesen Neumitgliedern im Vorstand. Daneben waren auch Ralf Wohlleben und Tino Brandt, die zu jener Zeit tief in die Unterstützung des sich bewaffnenden NSU-Kerntrios verstrickt waren.

Jan Stöckel als NPD-Kommunalpolitiker (Bild: Archiv)

Wann Jan Stöckel sich aus den vorderen Reihen der neonazistischen Strukturen Geras zurückzog, kann nicht nachvollzogen werden. Inzwischen tritt er vor allem als Händler von NS-Devotionalien unter “Antik & Militaria Handel Gera” auf. Er kauft und verkauft über seine Homepage, Facebook und Ebay alle möglichen historischne Gegenstände mit NS-Symbolik, daneben jedoch auch DDR-Devotionalien und alte Stichwaffen.

Webseite und Facebook-Anzeigen von Jan Stöckels Militariahandel

Robert Wunderlich

Robert Wunderlich beim Neonazi-Gedenken zum Volkstrauertag 2003 in Gera. (Foto: Indymedia)

Der 1980 geborene Robert Wunderlich gehört zur Anfangsbesetzung der Band Oigenik, die sich kurz nach der Gründung 1996 in Eugenik umbenannte und ihren Stil von Oi in Richtung Pagan Metal wandelte. Weil Eugenik auf ihrer Webseite ein Logo der Brauerei Köstritzer verwendete und dabei die Zahlen 14 (für die 14 Worte des rassistischen Vordenkers David Lane) und 88 (für den 8. Buchstaben des Alphabets – Heil Hitler) verwendete, wurde ein Verfahren gegen Robert Wunderlich und seine Eugenik-Kameraden eingeleitet. Nach der Gründung der Blood & Honour-Jugendorganisation White Youth bekannten sich alle Eugenik-Mitglieder zu dem neuen Netzwerk. Entsprechend spielte die Band vorwiegend auf Rechtsrockkonzerten und besuchte auch das Ian-Stuart-Memorial in England, wo der Gründer des militanten Blood & Honour-Netzwerks als Idol geehrt wird.
Wunderlich beteiligte sich aber auch abseits der Neonazi-Musikszene an Veranstaltungen, wie sein Auftreten als Fackelträger zum Neonazi-Gedenken am Volkstrauertag in Gera 2003 zeigte.
Eugenik beteiligten sich im selben Jahr mit einem Lied am Sampler des damals bereits seit zwei Jahren verbotenen Blood & Honour-Netzwerks, weswegen gegen die Bandmitglieder Ermittlungen wegen Fortführung eines verbotenen Vereins eingeleitet wurden. In den Folgejahren trat die Band wiederholt bei NPD-Veranstaltungen in Gera auf, die als “Rock gegen Krieg” begannen und später in “Rock für Deutschland” umbenannt wurden.

Robert Wunderlich am Schlagzeug und David Nonn an der Gitarre von Eugenik beim Rock für Deutschland am 19.07.2008 in Gera. (Foto: Antifa Recherche Gera)

Nach 2008 wurde es ruhiger um Eugenik. Robert Wunderlich gründete mit seinem Bruder Marco die Firma Transferwelt24 in Gera, mit der von Gera aus Dienstleistungen im Bereich Siebdruck angeboten werden. Da die Firma ihr Angebot auf den Handel mit Musikprodukten und Bekleidung ausweitete, ist nicht auszuschließen, dass sie einen Baustein in den Geraer NS-Black-Metal-Geschäften von Jens Fröhlich (Ewiges Eis Records und Methorn Versand), Denis Schoner (Donnerschlag Records – Hammerbund Records) und Robert Ullrich (Nebelfee Klangwerke) darstellt. Zumindest sprechen Robert Wunderlichs Online-Aktivitäten auch im Jahr 2021 noch für eine gute Vernetzung in der Naziszene. Seine Fotos werden vom Gründer von White Youth, Mike Bär, und vom Blood & Honour-Musiker Mirko “Barny” Fritsche (geb. Szydlowski) kommentiert. In seiner Freundesliste finden sich weitere Blood & Honour-Aktivisten aus Zeiten der Jahrtausendwende.
Als André Eminger nach der Selbstenttarnung des NSU festgenommen und sein Handy beschlagnahmt wurde, fand sich auch Robert Wunderlichs Nummer in den Kontakten.