NS-Ideologie und Fechtduelle: Überregionales Treffen extrem rechter Burschenschaften in Jena-Maua am 22.08.2020

Mitglieder der Burschenschaften HLB Germania Halle (schwarze Mütze, 1.v.r. Moritz Busam), Normannia Jena (2.v.r. mit Rucksack, 4.v.r. mit Tasche), Alte Burschenschaft auf dem Burgkeller Jena (3.v.r., ohne Mütze), Rugia Greifswald (5.v.r., rote Mütze) bei der Begrüßung vor dem Goldenen Schiff am 22.08.2020 (Foto: Rechercheportal Jena-SHK)

 

Während am vergangenen Samstag bundesweit tausende Menschen dem sechs Monate zurückliegenden rassistischen Anschlag in Hanau und seinen neun Todesopfern (Link zur Initiative 19. Februar) gedachten, fand in Jena-Maua im Gasthaus „Goldenes Schiff“ ein überregionales Treffen extrem rechter Burschenschaften statt. Ausrichter waren die Burschenschaften Normannia zu Jena und Alte Burschenschaft auf dem Burgkeller Jena. Neben den beiden gastgebenden Jenaer Burschenschaften, deren Mitglieder zum Fechtkampf antraten, nahmen Mitglieder der Burschenschaften Saxo-Silesia Freiburg, Halle-Leobener Germania, Rugia Greifswald, Germania Leipzig, Arminia Leipzig und Dresdensia Leipzig teil. Die Burschenschaften gehören dem Zusammenschluss Waffenring Halle-Leipzig an (Broschüre des Stura Dresden). Es reisten über 40 Personen aus mehreren Bundesländern an. Mehrere der Burschenschaften sind einschlägig aus dem Neonazi-Milieu, aus den Netzwerken der Identitären Bewegung und aus bewaffneten und neofaschistischen Prepper-Netzwerken bekannt. Das Goldene Schiff in Jena-Maua wurde somit einmal mehr zum Treffpunkt der extremen Rechten, nachdem sich das Lokal bereits zum festen Stützpunkt der AfD Jena-Saale-Holzland-Kreis etabliert hatte. Pikantes Detail: Der rechte Treffpunkt ist gleichzeitig das Wahllokal für den Bezirk Jena-Maua und bei der letzten Landtagswahl erzielte die AfD dort ein Top-Ergebnis.

Das Goldene Schiff in Jena-Maua: Wahllokal und extrem rechter Stützpunkt

Der Austragungsort des Burschenschaftstreffens stand bereits in der Vergangenheit in der öffentlichen Kritik: Nachdem die AfD in Jena weder ein Parteibüro halten, noch dauerhaft Gaststätten für ihre internen und öffentlichen Veranstaltungen finden konnte, wich sie wiederholt auf das Goldene Schiff in Jena-Maua aus. Der Wirt Jörg Petersdorf störte sich mehr an der Kritik und antifaschistischem Protest gegen sein Lokal als daran, Rückzugsort für die rechten Hetzer der AfD aus Jena und dem Saale-Holzland-Kreis zu sein. Die Behörden hielten denoch an dem Gasthaus als Wahllokal für den Bezirk Maua fest. Im Nachgang der Landtagswahl, bei der in seinem Lokal die AfD ein Spitzenergebnis erzielen konnte, wurde das Lokal passend als “Blaues Schiff” bezeichnet. Dagegen protestierte der Gastwirt, da (…) sein Haus allen Vereinen und Parteien offen stehe, insofern diese nicht einen extremistischen Charakter hätten.“ (OTZ vom 30.10.2019).

Tosca Kniese (MdL AfD Thüringen), Denny Jankowski (MdL AfD Thüringen) und Hugh Bronson (AfD Berlin) vor dem „Goldenen Schiff“ bei einer AfD Veranstaltung am 28.03.2019 (Foto: Rechercheportal Jena-SHK)

Dass diese Floskel zumeist dann bemüht wird, wenn eine fehlende Abgrenzung in neofaschistische Kreise gerechtfertigt werden soll, zeigt auch das Burschentreffen vom vergangenen Samstag. Wäre es Petersdorf ernst mit seiner Aussage und würde er tatsächlich Wert auf die Meinung der Extremismus-Ideolog*innen vom Verfassungsschutz legen, hätte eine einzige Internetsuche gereicht: Die Burschenschaft Normannia wird seit vielen Jahren vom Verfassungsschutz beobachtet, genauso wie die Identitäre Bewegung und EinProzent, bei denen Normannia-Mitglieder aktiv sind, wie wir mehrfach (1, 2, 3, 4) berichteten. Der Gastwirt bevorzugt es aber offenbar, mit seinem Lokal allen rechten Hetzern und Neonazis, die zwischen Jena und Kahla Raumfindungsschwierigkeiten haben, ein zuverlässiger Stützpunkt zu sein.

Normannia Jena: Eine Neonazi-Burschenschaft aus dem Umfeld der NSU-Unterstützer

Bereits die Gründungsumstände der Burschenschaft Normannia zu Jena prägten ihren Weg, der seit 1999 bis ins Jahr 2020 für die Verknüpfung rechtskonservativer Strömungen und militanter Neonazigruppen steht. Die Burschenschaft Jenensia, zu deren alten Herren auch CDU-Lokalpolitiker zählten, organisierte im Herbst 1999 eine Lesung mit dem neofaschistischen Verleger Peter Dehoust in der Jenaer Rathenaustraße. Als Saalschutz wurden Mitglieder des militanten Thüringer Heimatschutz (THS) engagiert, darunter die NSU-Unterstützer Tino Brandt und André Kapke oder der Überbringer der NSU-Mordwaffe, Carsten Schulze. Als die bürgerlichen alten Herren aufgrund öffentlicher Proteste um ihren Ruf fürchteten, trat der offen faschistische Teil der Jenensia aus und gründete zusammen mit Peter Dehoust die Burschenschaft Normannia zu Jena. Ralph Oertel (früherer Artikel), damals ein junger Aktivist von NPD und THS und später Student der Geschichte, gehört als Mitglied der ersten Stunde bis heute zu den prägendsten Kadern der Burschenschaft.

NPD-Kundgebung 1999 in Jena: (v.l.n.r.) Tino Brandt, Ralph Oertel (Normannia), André Kapke, unbekannt, Ralf Wohlleben (Foto: Jenaer Antifaschist*innen)

Im Jahr 2004 lief Ralph Oertel mit seinem Normannia-Bruder Martin Liebeskind in Couleur beim bundesweit bedeutenden Naziaufmarsch in Halbe an der Demospitze. Sie trugen Kränze in Gedenken an Gefallene der deutschen Wehrmacht. Die Neonazi-Burschen liefen neben Christian Kaiser vom Nationalen Widerstand Jena und Martin Rühlemann von der Braunen Aktionsfront Weimar und NPD Weimarer Land.

Naziaufmarsch Halbe 2004: (v.l.n.r.) Christian Kaiser, Martin Liebeskind, Martin Rühlemann, Ralph Oertel (Foto: Indymedia)

Martin Liebeskind, der wie Oertel Geschichte studierte, arbeitete um 2009 eine Zeit lang in der Verwaltung von Schloss Wolfersdorf im Saale-Holzland-Kreis und ist mittlerweile länger nicht mehr auf rechten Veranstaltungen gesichtet worden.

Seit dem Aufkommen neuer extrem rechter Organisationen wie der AfD, der Kampagnenplattform EinProzent und der Identitären Bewegung (IB) haben die Normannia-Mitglieder zunehmend Kontakte in diese Netzwerke geknüpft. Nico Schneider (früherer Artikel) war 2014 in die Organisation eines Vortrags von Björn Höcke beim Institut für Staatspolitik in Schnellroda beteiligt, Martin Schieck (letzter Artikel) ist AfD-Mitarbeiter und Videoaktivist bei Ein Prozent, Christian Heilmann (früherer Artikel) ist Aktivist bei der IB und Ralph Oertel ist Grafiker für den Jungeuropa-Verlag und ebenfalls Aktivist der IB. Folgerichtig war zum Stiftungsfest der Normannia im Jahr 2016 auch der österreichische IB-Sprecher Martin Sellner als Redner angekündigt.

Hendrik Radtke (ex-NPD-Kreistagsmitglied aus Kahla) und Ralph Oertel beim Aufmarsch der Identitären Bewegung in Berlin am 17.06.2017 (Foto: Presseservice Rathenow)

Die Einbindung in jüngere extrem rechte Netzwerke geht bei der Normannia jedoch keineswegs mit einer Abkehr von ihren Wurzeln in militante Kameradschaftskreise einher. Ralph Oertel besuchte im Dezember 2017 mit dem NSU-Helfer André Kapke den NSU-Prozess, um Ralf Wohlleben die Treue zu demonstrieren. Kapke ist zudem regelmäßiger Besucher der Normannia-Lesungen mit Altnazis in der Burg 19 in Kahla, zuletzt im Jahr 2019. Auch mit der militanten Kahlaer Naziszene ist die Normannia weiterhin eng verbunden, wie bereits im vergangenen Jahr an dieser Stelle aufgezeigt wurde (vgl. Artikel zu Ralph Oertel). Im April 2018 zeigten die Normannia-Mitglieder außerdem ihre eigene Gewaltbereitschaft, als sie aus einem Treffen im Kahlaer Nazitreffpunkt Dartladen heraus minderjährige Geflüchtete angriffen und bis in ihr Wohnhaus verfolgten. Auch ihre jüngeren Mitglieder, Martin Schieck und Christian Heilmann, wurden statt an der Universität in den Netzwerken von freien Kameradschaften und JN zwischen Jena und Kahla gewonnen.

Ralph Oertel (links) und Normannia-Nachwuchs in weißer Fechtkleidung und Springerstiefeln am 22.08.2020 vor dem „Goldenen Schiff“ in Jena-Maua (Foto: Rechercheportal Jena-SHK)

Vertagung vertagt: Normannia verstärkt Aktivitäten

Noch im Februar 2019 sorgte eine antifaschistische Veröffentlichung für die Hoffnung, dass es bald vorbei sei mit der Burschenschaft Normannia: In einer auf Indymedia geleakten Einladung rief die Burschenschaft ihre Mitglieder zusammen, um über die Vertagung, also Einstellung ihrer Aktivitäten abzustimmen. Auch ausstehende Schulden sollten zu diesem Zeitpunkt spätestens beglichen werden. Die Veröffentlichung führte zur Absage der zuvor gebuchten Räume in einem Jenaer Lokal (vgl. ND). Die Vertagung wurde wohl abgelehnt, denn im Verlauf des letzten Jahres zeigte sich die Normannia wieder aktiver. Wie kürzlich veröffentlichte Fotos belegen, nahmen Normannia-Mitglieder an einem Mensurtag bei der Leipziger Burschenschaft Germania am 30.11.2019 teil:

hinten 1.v.l.: Ralph Oertel; mittig erhöht stehend: Andreas Karsten und Philip Thaler von der Halle-Leobener Burschenschaft Germania und IB Halle; Mensurtag der Germania Leipzig 30.11.2019 (Foto übernommen von LSA-Rechtsaußen)

Das Foto schoss ausgerechnet der Leipziger Staatsanwalt Axel Knoll, in der Vergangenheit zuständig für politisch motivierte Kriminalität und Mitglied der Germania Leipzig.

Die Reaktivierung und Einbindung der Neonazi-Burschenschaft Normannia in die Netzwerke der Leipziger Germania, zu denen neben Aktivisten der IB auch die neofaschistischen Prepper und Bundeswehr-Reservisten aus Sachsen-Anhalt gehören, zeigte sich auch am vergangenen Samstag, als die Leipziger Germania sich an der Durchführung des Treffens organisatorisch beteiligte. Die Normannia hat außerdem zwei weitere und bislang unbekannte Jungmitglieder, die am Samstag zu Fechtpartien antraten, wie sich an ihrer weißen Kleidung und Normannia-Couleur ablesen ließ.

Fechter der Normannia Jena am 22.08.2020 in Maua (Bild: Rechercheportal Jena-SHK)

Alte Burschenschaft auf dem Burgkeller Jena in der DB: Getreue der Blut-und-Boden-Ideologie

Die Alte Burschenschaft auf dem Burgkeller Jena in der DB ist die einzige Jenaer Burschenschaft, die weiterhin im extrem rechten Dachverband Deutsche Burschenschaft (DB) organisiert ist. Sie spaltete sich 2008 von der Burschenschaft „Arminia auf dem Burgkeller“ ab, als diese aus der Deutschen Burschenschaft austrat. Mit ihrer Mitgliedschaft in der heutigen DB positionieren sich die Burgkeller-Burschen explizit auf Seiten der rassistischen Blut-und-Boden-Ideologen, deren Forderung nach einem Arier-Nachweis zu einer Kontroverse und Austrittswelle aus der DB geführt hatte. Das Verbindungshaus der Alten Burschenschaft auf dem Burgkeller befindet sich in der Frommannstr. 6 in Jena-West, zwischen Lutherstraße und Jahnplatz.

Die Alte Burschenschaft auf dem Burgkeller träumt auf Facebook von Großdeutschland und schwarz-weiß-rotem Deutschnationalismus

Neben der Mitgliedschaft in der Deutschen Burschenschaft pflegt die Burschenschaft ein Freundschaftsverhältnis zur Burschenschaft Germania Leipzig. Diese stand in den letzten Monaten im Fokus von antifaschistischen Recherchen: Alte Herren der Burschenschaft bereiteten sich seit 2015 auf einen Bürgerkrieg vor, bewaffneten sich, führten Schießtrainings durch und legten Vorräte an (vgl. LSA Rechtsaußen). Über das Freundschaftsverhältnis hinaus sind der Burgkeller und die Germania Leipzig auch über Doppelmitgliedschaften miteinander vernetzt. So ist der Eisenacher Andreas H. Koch gleichzeitig Mitglied des Burgkellers Jena, der Germania Leipzig und der Rugia Greifswald. Sein Studium scheint er abgeschlossen zu haben und arbeitet mittlerweile als Rechtsreferent bei der Debeka in Eisenach. Dort pflegt er Kontakte zu Mitgliedern der neonazistischen Strukturen Knockout 51 bzw. Nationaler Aufbau Eisenach und Mitgliedern des NPD-Jugendverbands JN (zu Knockout 51 und Nationaler Aufbau Eisenach vgl. AGST).

Mitglieder der Burschenschaft studieren sowohl an der FSU Jena als auch der EAH Jena. Oliver Naumann aus Hartenstein (Sachsen) studiert beispielsweise an der FSU Geschichte. Tom Ebersbach ist ebenfalls Student an der FSU und häufig in der Universitätsbibliothek anzutreffen. Thomas Berthold aus Würgau in Franken, auf dessen Namen das Konto der Burschenschaft läuft, studiert an der Ernst-Abbe-Hochschule Jena.

Mitglieder der Alten Burschenschaft auf dem Burgkeller am 22.08.2020 in Jena-Maua, 1.v.l. Oliver Naumann, 3.v.l. Andreas H. Koch (Foto: Rechercheportal Jena-SHK)

Burschenschaften – Eine organisatorische Klammer zwischen der parlamentarischen und bewaffneten extremen Rechten

Der Paukarzt (1.v.l.) kommt von der Arminia Leipzig, Mitglieder der Germania Leipzig (orangene Mützen) tragen Ausrüstung (Foto: Rechercheportal Jena-SHK)

In der Öffentlichkeit genossen Burschenschaften viel zu lange den Ruf wertkonservativer Akademiker, die in der Tradition der frühen demokratischen Bewegungen des 19. Jahrhunderts stünden. Dabei handelt es sich bei ihnen, von ihrer elitären, patriarchalen und nationalistischen Struktur abgesehen, um politische Netzwerke, die seit Jahrzehnten sowohl einen Rückzugsraum als auch einen Rekrutierungsort der gesamten extremen Rechten darstellen. Während die weitreichenden burschenschaftlichen Netzwerke in ÖVP und FPÖ schon länger Thema sind, scheinen Burschenschaften in Deutschland ihren rechtsnationalen Aktivismus immer wieder hinter ihren bunten Kostümen und Eichenholztoren verstecken zu können. Dabei bilden sie, wie zuletzt die umfangreiche Recherche von LSA-Rechtsaussen belegte, eine Klammer um das gesamte Milieu von AfD, rechtsradikalen Soldaten und Staatsanwälten, Identitären und militanten Neonazis. Dass sie sich im Waffenring Halle-Leipzig mit der Jenaer Burschenschaft Normannia organisieren, unterstreicht noch einmal ihren Charakter als rechtsextremes Netzwerk. Die Normannia hat ihren Ursprung im kameradschaftlichen Milieu des Thüringer Heimatschutzes und ist bis heute mit Protagonisten aus dem NSU-Komplex eng verbunden.

Dass am vergangenen Samstag Fechtduelle ausgetragen wurden, sollte in der Betrachtung in der Hintergrund rücken. Denn viel wichtiger ist die Wirkung dieser Treffen als Orte des Austausches, Netzwerkens und des Pflegens der gemeinsamen faschistischen Ideologie. Im Goldenen Schiff kamen politische Aktivisten aus verschiedensten Spektren der extremen Rechten zusammen, die sich zu anderen Gelegenheiten auf Aufmärschen oder in Parteibüros wiedersehen und sich mit Jobs in den wirtschaftlichen Netzwerken der Rechten weiterhelfen.