Thügida reloaded in Gera? Anmelder Hallop marschierte schon bei Thügida, weitere Nazis sind aktiv in den Protesten

Marek Hallop (1.v.l.) und hinten in schwarz David Sommerfeld auf dem Thügida-Aufmarsch in Gera am 21.09.2018

Seit wenigen Wochen finden in vielen deutschen Städten und Ortschaften Demos gegen die Covid19-Infektionsschutzmaßnahmen statt. Bereits frühzeitig wurde auf die Vereinnahmung durch extrem Rechte und AnhängerInnen von Verschwörungsmythen öffentlich hingewiesen. In Gera bestand diese Verbindung von Beginn an. Dabei kann auf eine langjährig bestehende personelle Vernetzung rechter AkteuerInnen vor Ort aufgebaut werden. Peter Schmidt, der die Demo gegen die Corona-Maßnahmen am vergangenen Samstag (09.05.) in Gera organisierte, verbindet einiges mit dem „THÜGIDA“-Aktivisten und Neonazi David Sommerfeld. Mit Marek Hallop ist nun ein neuer Organisator der Proteste eingesprungen. Hallop, Rechtsextremer und Reichsbürger, marschierte noch vor eineinhalb Jahren bei „THÜGIDA“ in Gera mit. Und beim letzten Protest in Gera zeigte sich mit Ralf-Dieter Gabel noch ein weiterer Mitorganisator der früheren „THÜGIDA“-Aktionen. Gegenwärtig gewinnen die Proteste in Gera weiterhin an Zulauf und bieten Neonazis und Bürgerlichen zunehmend Raum für ihre menschenfeindlichen und verschwörungsideologischen Inhalte.

Initiator Peter Schmidt und der Thügida-Aktivist David Sommerfeld

Peter Schmidt organisierte den Protest gegen die Covid19-Infektionsschutzmaßnahmen in Gera am 09.05.2020, denen rund 750 Menschen folgten. Dass auch Thomas Kemmerich (FDP) sprechen durfte und Schmidt ihn zudem als „einzig legitimen Ministerpräsidenten“ anmoderierte, sorgte für viel kritische Presse im Nachgang. Im Zuge der Berichterstattung wurde Schmidts Verbindung zum Geraer Neonazi David Sommerfeld bekannt gemacht.

Facebook-Bilder zeigen nicht nur Schmidt und Sommerfeld zusammen beim ersten „Spaziergang“ in Gera am 02.05.2020. Wie Sommerfeld dem Tagesspiegel gegenüber berichtete, ist er mit Schmidt auch privat bekannt und arbeitet gelegentlich auf dessen Anwesen. Neben privater Bekanntschaft, eint die beiden also auch der politische Aktivismus. Sommerfeld ist seit Jahren bekannt als Neonazi und Reichsbürger. Er marschierte u.a. 2016 beim Thügida-Fackelmarsch in Jena mit:

David Sommerfeld (2.v.l.) beim Thügida-Aufmarsch zu Rudolf Hess’ Todestag am 17.08.2016 in Jena. (Foto: Igor Netz)

Doch nur mitlaufen reichte Sommerfeld nicht. Auf einem Flyer des Thügida-Ablegers „Wir lieben den Saale-Orla-Kreis“ steht Sommerfeld als Verantwortlicher im Sinne des Presserechts angegeben. Am 01.05.2017 lief Sommerfeld außerdem als Fahnenträger beim Aufmarsch der militanten rechten Kleinstpartei „Der III. Weg“ in Gera mit.

David Sommerfeld als Verantwortlicher im Sinne des Presserechts (V.i.S.d.P.) für den Thügida-Ableger “Wir lieben den Saale-Orla-Kreis”. (Screenshot Facebook)

Am 09.05.2020 liefen dann David Sommerfeld und seine Freundin Vanessa Pfeifer in vorderster Reihe auf der Demo in Gera. Pfeifer trug dabei einen Davidstern, mit dem sie eine imaginierte „Zwangsimpfung“ mit der systematischen Verfolgung und Vernichtung von Jüdinnen und Juden im Nationalsozialismus gleichsetzen wollte. Im Nachhinein erklärte der Neonazi Sommerfeld dem Tagesspiegel gegenüber seine Freundin sei „unpolitisch“ und der Davidstern sei „übertrieben“. Wenig glaubhaft, so ließ sich Sommerfeld früher mit dem Hitlergruß ablichten und ließ keine Gelegenheiten aus, seine nazistische Überzeugung zu demonstrieren. Dabei ist Vanessa Pfeifer mit der eindeutig Shoa-relativierenden und antisemitischen Symbolik in den Demos gegen die Covid19-Infektionsschutzmaßnahmen weder allein, noch fehl am Platze. Zeigt sich doch an diesem Beispiel einmal mehr, wie gegenwärtig und verbindend Antisemitismus über Spektrengrenzen hinweg ist, die sich unter dem Label „Hygienedemos“ versammeln.

Vanessa Pfeifer und David Sommerfeld auf der Demo am 09.05.2020 in Gera. (Screenshot Youtube)

Dass Peter Schmidt angesichts dieser Zusammenhänge nun von einer „Nazikeule“ und „Verleumdungen“ schwadroniert, ist genausowenig überraschend, wie begründet. Nachdem er verkündete, wegen kritischer Berichterstattung keine weiteren Demos mehr anmelden zu wollen, meldete sich Marek Hallop als Nachfolger zu Wort. Schmidt begrüßte das mit Begeisterung und konnte sich als Opfer der etablierten Presse inszenieren.

Marek Hallop: Reichsbürger und Thügida-Anhänger

Marek Hallop übernimmt für den 16.05.2020 die Anmeldung und Organisation der Demo in Gera. Wie schon in der Presse bekannt gemacht wurde, ist er erklärter Reichsbürger:

Marek Hallops selbstgebastelter Reichsbürger-Ausweis.

Mit Hallop setzt sich daher die ideologische Stringenz der Corona-skeptischen Proteste fort: Als Reichsbürger ist er der Prototyp des Verschwörungsideologen. Seine Facebook-Likes des gesamten extrem rechten Spektrums bestätigen diesen Eindruck. In seinem Aufruf schreibt er davon, „stets friedlich“ bleiben zu wollen. Das steht in einem offenkundigen Missverhältnis dazu, dass er im Netz Freiheit für den brutalen Schläger und hetzerischen Antisemiten David Köckert fordert, um Unterstützung für die glühende Antisemitin Ursula Haverbeck wirbt oder das heutige Polen lieber zurück in ein deutsches Reich holen würde. Jenseits seines Nazi-Onlineaktivismus ist Hallop ebenfalls schon mit „THÜGIDA“ auf der Straße gewesen:

Marek Hallop (1.v.l.) bei Thügida in Gera am 21.09.2018.

Ralf-Dieter Gabel – „THÜGIDA“ and beyond

Neben Hallop als „THÜGIDA“-Anhänger und David Sommerfeld, „THÜGIDA“-Mitorganisator und aktiver Bewerber der aktuellen Demos in Gera, erschien vergangenen Samstag ein weiterer “THÜGIDA”-Aktivist und Antisemit bei Schmidts Demo in Gera: Ralf-Dieter Gabel aus Kamsdorf.

Gabel zählte zu den MitorganisatorInnen der „THÜGIDA“-Märsche, beteiligte sich auch überregional an so ziemlich allen Aufmärschen und war aktives Mitglied im dazugehörigen Verein:

v.l.n.r.: David Köckert, Ralf-Dieter Gabel, Frank Geißler, Robert Köcher am 13.02.2017 in Saalfeld mit ihren frischen „THÜGIDA“-Mitgliedsausweisen (Screenshot Facebook)

Genau wie Marek Hallop und andere Neonazis ist Gabel ein aktiver Unterstützer der Shoa-Leugnerin Ursula Haverbeck. So beteiligte er sich neben dem ehemaligen Kopf der mittlerweile verbotenen „Europäischen Aktion“, Axel Schlimper, an einer Solidaritätsdemo für Haverbeck in Bielefeld oder lief vor einem Jahr beim „III. Weg“ in Plauen zum 1. Mai mit einem entsprechenden T-Shirt mit:

Ralf-Dieter Gabel am 01.05.2019 beim Aufmarsch von „Der III. Weg“ in Plauen mit Bekenntnis zur notorischen Holocaust-Leugnerin und Antisemitin Ursula Haverbeck. (Foto: Thomas Witzgall)

Gabel lief auf der Geraer Demo neben Christian Gentzsch, der 2014 für die NPD in Greiz kandidierte:

links in grau: Ralf-Dieter Gabel, mittig mit Sonnenbrille: Christian Gentzsch. (Screenshot Youtube)

Christian Gentzsch war gemeinsam mit anderen Neonazis aus Gera 2017 beim größen Rechtsrockfestival Europas in Themar.

hinten mit Glatze: Christian Gentzsch, davor: Joel Sebastian Probst, Jacqueline Möbes und Michael Jassen; „Rock gegen Überfremdung“ in Themar 15.07.2017 (Foto: Lukas Beyer)

Es liefen noch weitere bekannte Neonazis am 09.05.2020 in Gera mit. Darunter waren die Geraerinnen Beatrice Fischer und Beatrice Koschmieder:

links: Beatrice Fischer, rechts am Bildrand: Christian Gentzsch (Screenshot Youtube)

mittig: Beatrice Koschmieder, links davon Christian Gentzsch (Screenshot Youtube)

Beatrice Fischer nutzte den Gedenktag der Reichspogromnacht vergangenes Jahr, um sich neben Ralf-Dieter Gabel und Christian Bärthel einem Naziaufmarsch für Ursula Haverbeck anzuschließen:

links Beatrice Fischer, mittig mit roter Jacke Ralf-Dieter Gabel, rechts Christian Bärthel – Shoa-Leugner-Demo für Ursula Haverbeck in Bielefeld am 09.11.2019 (Foto: Recherche Nord)

Koschmieder und Fischer reisten ebenfalls am 15.07.2017 zum Rechtsrockfestival „Rock gegen Überfremdung“ nach Themar, gemeinsam mit dem Geraer Neonazi Michale Hesse:

v.l.n.r.: Michael Hesse, Beatrice Fischer, Beatrice Koschmieder beim „Rock gegen Überfremdung“ in Themar 15.07.2017. (Foto: Lionel C. Bendtner)

Michael Hesse tritt bei zahlreichen Demos als Dokumentarfilmer mit Kamera auf. Er filmte die gesamten Demos der vorherigen Wochen in Gera und Halle und lud diese Videos unter seinem Pseudonym „Rebell“ auf Youtube hoch. Ein anderer rechter Youtuber entlarvte Hesse dabei, als er diesen ebenfalls vor die Linse bekam und abfilmte. Beide tragen mit ihren Videouploads zur Außendarstellung der Demos gegen die Covid19-Infektionsschutzmaßnahmen in Gera entscheidend bei.

Michael Hesse alias „Rebell“ beim Filmen der Demo am 09.05.2020. (Screenshot Youtube)

Die Aufnahmen belegen, dass die Gruppe um Gabel, Fischer, Koschmieder, Gentzsch und Hesse gleich zu Beginn der Kundgebung gemeinsam auf dem Geraer Markt standen und an der Versammlung teilnahmen.

Schmidt: „Es war mir eine Ehre den Funken zu zünden.“

Der Ausgangsstoff für ein Reload von „Thügida“ zur Demo am 09.05.2020 in Gera war auf jeden Fall gegeben. Ettliche Neonazis nahmen an den Protesten teil, schnell könnten es noch mehr werden. Sie gaben sich nicht als solche unmittelbar zu erkennen, mit Beiträgen hielten sie sich zurück. Die Mehrzahl der Teilnehmer*innen muss als bürgerliche Ostthüringer*innen eingeordnet werden. Dennoch, gelingt es extrem rechten AktivistInnen sich an entscheidenden organisatorischen Positionen in die Proteste einzubringen. In Gera wird sichtbar, wie es ihnen gelingt das rechte Spektrum vereint auf die Straße zu mobilisieren, die AfD wirkt dabei als Katalisator kräftig mit. Dabei können sie an vorhandene Einstellungen in der Breite der Gesellschaft anknüpfen: Persönliches Nützlichkeitsinteresse vor Solidarität, antisemitische Verschwörungsmythen und verkürzte Kapitalismuskritik, völkisches Denken, Wissenschaftsfeindlichkeit und Ungleichwertigkeitsvorstellung en. Die lautstarke Ablehnung gegenüber einer kleinen Gruppe Gegendemonstrierender, die zu Recht mit „Wer mit Nazis marschiert, hat nichts kapiert“ protestierten, zeugt davon.

Wie in diesem Beitrag aufgezeigt wurde, ist der neue Anmelder nicht nur Reichsbürger, sondern erprobter „THÜGIDA“-Aktivist. Mit David Sommerfeld war ein „THÜGIDA“-Mitorganisator schon in die Organisation der vorherigen „Spaziergänge“ und Proteste eingebunden. Mit Ralf-Dieter Gabel und seinen Geraer und Greizer Neonazi-FreundInnen sind weitere organisierte Neonazis an den Protesten beteiligt und die bewegten Bilder dazu liefert mit Michael Hesse und einem weiteren rechten Youtuber auch die Naziszene. Wenn Schmidt kommentiert „Es war mir eine Ehre den Funken zu zünden“, dann muss angesichts der Entwicklungen seit 2014 in Dresden, Leipzig, Thüringen und anderswo dieser „Funke“ wörtlich genommen werden: Unter dem gemeinsamen Nenner von Verschwörungmythen, Antisemismus und personifizierter Kritik an Kapitalismus und Staat kocht die braune Suppe in Gera weiter vor sich hin.